Judith schreibt von ferne

Auf unserer Wanderung im Supramonte sind wir von Wolken umhüllt. Nur einmal öffnen sie sich einen Spalt breit und prompt beginne ich, die uns umgebenden Felswände nach Höhlen abzusuchen. Unterschlupf gibt es genug.

Das Karstgebirge ist durchwoben von regengegrabenen Tunneln. Seit letzter Woche strömt er wieder auf das ausgetrocknete Land: es ist Herbst geworden. Im Inneren der Berge sammelt sich das Wasser und dringt an der Su Gologone an die Oberfläche. Immer wieder dachten Taucher, sie hätten den Boden der Quelle, das Ende des unterirdischen Flusses erreicht, bis der nächste Taucher tiefer kam und noch weiter in den Berg hinein.
(Wann hört der Berg auf? Wächst er aus dem Boden oder ist er der Boden? Was liegt unterhalb des Gebirges?)
Einer ist auf seinem Tauchgang gestorben und ich frage mich, ob etwas von ihm zurückgeblieben ist in der Höhle tief unten im Fluss unter dem Berg.

In ein Loch unterhalb des ersten Gipfels werfe ich einen Stein und es dauert lange Sekunden, bis ich den Aufprall höre.

Judith Martin studiert im Master „Literarisches Schreiben„, engagiert sich bei uns als Programmassistentin und ist für ein Auslandssemester derzeit auf Sardinien. Hier schreibt sie über ihre Fluss-Erlebnisse auf der Insel und über neue Gegenwartsliteratur.