Judith schreibt von ferne

Derzeit studiert unsere Programmassistentin Judith Martin im Auslandssemester in Sassari, Sardinien. Hier schreibt sie von ihren Streifzügen:

Alte und neue Zeichen von Zivilisation: Frische Aschereste eines Lagerfeuers, auf das Steine gelegt wurden, damit es sich nicht neu entfacht. Straßen, überwachsen und von abgebrochenen Felsen unbefahrbar gemacht, zu erkennen nur noch an den Straßenschildern, auf denen vor plötzlichen Flutwellen gewarnt wird. Eine Sprungschanze, die aus einem Erdhügel und einer Holzpalette gebaut wurde. Ein Grab im Felsen aus vornuraghischer Zeit, vielleicht fünftausend Jahre alt, Domus de Janas genannt: Feenhaus. Eine Schildkröte, die wohl aus einem der Gärten entflohen ist und sich schüchtern in ihren Panzer zurückzieht, als sie mich bemerkt.
Der Weg, dem ich hinunter ins Tal folge, ist in Stand gehalten. Zunächst geht es über Treppen vorbei an den Grundstücksmauern von zwei Stadtrandpalästen, scheinbar aus den Steinen an Ort und Stelle aufgeschichtet. Dann übernimmt die Macchia und der Weg wird fast zu einem Tunnel. Nur stellenweise öffnet sich der Blick noch in die Landschaft.
Der Film vom vorigen Abend, Studio Ghiblis Prinzessin Mononoke, hängt mir noch nach; der dämonenbesessene Wildschweingott spukt durch meinen Kopf, während ich an aufgewühlten Wegrändern vorbei tiefer ins Tal eintauche.
Unten fließt der Fluss, eher ein Bach, der das Tal in die Felsen gegraben hat. Während ich mir durch die stachligen Büsche einen Weg ans Ufer suche, denke ich: Natur ist da schön, wo sie zugänglich ist. Der Pfad geht auf der anderen Seite des Bachs weiter; ich kehre um, weil der Himmel sich bewölkt und ich nicht von einer der plötzlichen Flutwellen überrascht werden will. Plastik und anderer Müll, der in den Ästen hängt, kündet von Überschwemmungen. Die kommen allerdings weniger von starkem Regen als von der Öffnung des Staudamms flussaufwärts. Wenn daran Arbeiten erledigt werden müssen, bleibt in der Stadt das Wasser für einen oder mehrere Tage aus.

Im Internet lese ich, dass es auf Sardinien ein Domus de Janas pro Quadratkilometer gibt. Vier davon habe ich gesehen. Das erste, das ich beinahe nicht gefunden habe, so gut fügt es sich in die Landschaft ein, wurde im Mittelalter als Kirche genutzt. Ich konnte kaum drin stehen und mir noch weniger vorstellen, wie darin eine Messe abgehalten werden sollte. Die Luft war feucht, die Wände von grünem Moos und dunklen Flechten überzogen, Spinnweben hingen in den Ecken. Das zweite ist das im Tal, das kleiner ist und weniger tief in den Felsen geht. Als ich mit der Handytaschenlampe hineinleuchte, summt es gefährlich und ich nehme das Licht schnell weg, um den Insekten nicht zum Opfer zu fallen. Das dritte ist eine regelrechte Gruft. Sie ist aus drei Hallen aufgebaut, die sich verengen, je tiefer es in den Felsen geht. Die Gräber liegen auf Brusthöhe, geräumige Kammern, die miteinander verbunden sind. Wie viele Leichen hätten hier Platz? Wie viele haben hier gelegen? An den Wänden haben Mutprobende ihre Spuren hinterlassen. Ich stelle mir die Generationen von Jugendlichen vor, die hier ihre Grenzen getestet haben. Wie viele sind es gewesen in den vielleicht fünftausend Jahren? Das vierte sind viele neben- und übereinander in den Felsen gegrabene Gräber, ein vorgeschichtliches Colombarium, auch sie gehen tief hinein und sind teilweise miteinander verbunden. Auf dem Hügel gegenüber steht eine Nuraghe und der Blick geht in eine geschwungene Ansammlung von Tälern und Hügeln. Manchmal fällt es mir schwer, die Landschaft zu beschreiben, weil sie so abrupt, schroff und ohne Übergänge ist.

Einige Tage nach meinem Spaziergang fahren wir auf die Asinara-Insel, die einen Nationalpark mit den Überresten von Lazaretten und Gefängnissen beherbergt. Wollte man einen Erlebnispark mit Dinosauriern eröffnen, wäre Asinara der perfekte Ort. Stattdessen wohnen in den verlassenen Baracken, Schulgebäuden und Stallungen die Esel, nach denen die Insel benannt ist.
Im Ossario, einer am Hang gelegenen Kapelle, zu der eine breite, schleppende Treppe führt, haben sie die Knochen von österreichisch-ungarischen Gefallenen aus dem Ersten Weltkrieg aufgeschichtet. Ich frage mich, warum sie für die Toten ein Felshaus gebaut haben, statt sie zu vergraben wie die italienischen Soldaten auf dem Cimetiero degli Italiani. Auch dies ist ein Feenhaus; es leuchtet weiß in die Bucht hinaus, man sieht es schon lange bevor die Fähre am Hafen anlegt. Ein Mann in Arbeitskleidung des Corpo Forestale, der auf die Insel fährt, um Ziegen und Wildschweine zu fangen, die dort nicht hingehören, weist mich darauf hin. Er spricht die Namen der Orte sardisch aus, sagt Capu statt Capo, und erzählt mir vom Banditen Matteo Boe, dem einzigen, dem eine Flucht von der Gefängnisinsel je geglückt ist.

Am Abend gehen wir in unsere Lieblingskneipe, die wieder geöffnet hat, aber noch weniger offiziell als vorher. Draußen hängt das übliche Schild, das eine Festa Privata vorschützt, und wir müssen klingeln, um eingelassen zu werden. Die Doggen bellen, sonst hätte man uns wohl nicht bemerkt. Weil wir die ersten Gäste sind, setzt sich der Besitzer zu uns. Er erzählt uns von seiner Vergangenheit bei den Brigate Rosse, von kommunistischen Aktionen und Waffenlieferungen in Zusammenarbeit mit Paris und Berlin. Er redet von der RAF und seinen 17 Jahren Gefängnis. Er redet von Entführungen und ich glaube auch Erschießungen. Ich frage ihn nach Matteo Boe, dem edlen Banditen, der so gut zu meinem verklärten Bild von den Menschen aus dem Inneren Sardiniens passt. Er kennt ihn, sagt er, sie sind in Nachbardörfern aufgewachsen und haben miteinander gearbeitet. Ein guter Mann, nur langsam werde er verrückt. Boe hat seine vielen Strafen abgesessen und ist in sein Heimatdorf zurückgekehrt. Die dortigen Schafzüchter, Pastori genannt, haben gesammelt und ihm eine Herde zusammengestellt, um die er sich nun kümmert.
Nach und nach füllt sich die Kneipe, es ist wie in einem Theaterstück: die Doggen kündigen bellend jeden Auftritt an und mit jedem Gast gibt es eine neue spannende Geschichte. Eine radikale Feministin und Kinoliebhaberin redet sich in Rage, wir sitzen in den ausgelutschten Sesseln, hinter uns das Wandgemälde der Männer in sardischer Tracht, das nach der Hälfte des Ausmalens abgebrochen wurde, hören zu und sind froh, an diesem Ort zu sein