Judith schreibt von ferne

Derzeit studiert unsere Programmassistentin Judith Martin im Auslandssemester in Sassari, Sardinien. Hier schreibt sie von ihren Streifzügen nach dem großen Lockdown:

Ich packe meine Tasche und nehme mit: 1 Notizbuch, 1 Packung Taschentücher, 1 Desinfektionsgel, mein Portemonnaie, die Kopfhörer, meine Maske, 1 leichte Jacke, das Handy.

Die Piazza d‘Italia ist gut besucht, aber die Stimmen finden noch Platz zum Hallen. Fahrräder zwitschern um das Denkmal von Vittorio Emanuele, Kinder schreien zu Fuß und auf ihren Rädern, ein Hund bellt, ein Junge kreischt wie am Spieß, während er den Tauben hinterherrennt. Plötzlich haben alle in der Stadt ein Fahrrad. Auch die Mauersegler sind hier, mehr noch als bei uns im Hinterhof. In den Winkeln zwischen den Häusern jagen sie nach Mücken und kreiseln in wechselnd großen Kolonien über dem König. Screaming Parties zu Land und zu Luft.

Man trägt sowohl Felljacken als auch kurze Hosen: der Frühling ist zwar nicht mehr so frisch, das In-Ihm-Draußen-Sein aber schon. In losen Gruppen sitzen und stehen die Leute zusammen, Erwachsene gesondert von den sich ununterbrochen bewegenden Kindern gesondert von kleinen Gruppen Jugendlicher. Einer hält eine Zigarette in der Hand – könnte ich ihn um eine beten?

An der Piazza Fiume, die ich auf dem Weg hierher überquert habe, war weniger los. Es herrschte die übliche, leicht andächtige Stille zwischen den Menschen, die verteilt auf den Bänken an ihren Ufern saßen. Die Piazza Fiume hat keinen Fluss, nur eine Statue eines Mannes mit Hut. Nimmt man es genau, ist die Piazza Fiume nur Deckel eines Parkhauses. Der ganze Platz ist nach dem Parkhaus strukturiert: die von oben kommenden Autos werden an der nordwestlichen Seite in den Eingang geleitet und können südlich ab- und zurück zur großen Straße fließen. Der glattpolierte Boden der Piazza ist mit Belüftungsgittern gespickt, ein riesenhafter überdachter Automat entwertet die Parktickets, der Aufzug nebendran lässt die Bezahlenden hinab zu ihren Autos. An den Ecken ragen Relinge um Treppenabgänge, Einfahrten und Belüftungsschacht in die Höhe: hier ist die Piazza ein Kreuzfahrtschiff. Am südwestlichen Ufer liegt eine der universitären Bibliotheken, mit ihren Stuckdecken und den goldgerahmten Spiegeln vielleicht die prachtvollste. Plätze zum Arbeiten gibt es hingegen weniger, von Steckdosen sei gar nicht erst zu sprechen (aber man lernt und studiert hier hauptsächlich mit Büchern und handschriftlichen Notizen, die standardmäßige Prüfungsform ist die mündliche, also scheinen Computer überflüssig). Über dem Eingang der Bibliothek steht groß „Ospedale Civile“, darüber hängen die drei Flaggen (Sardinien, Italien, Europa). So manches versteckt oder verkleidet sich in dieser Stadt.

Zurück zur Piazza d’Italia: Es tut mir gut, das Leben mitzubekommen. Mehr zu sehen als den Hinterhof oder die verlassenen Straßen oder die Natur an den Stadträndern. Die Kinder, die zu übermütig radeln, werden von ihren Großmüttern zurückgepfiffen; auf dem Balkon meiner Nachbarin ist vorletzte Woche die Großmutter wiederaufgetaucht.
Manche haben sich schick gemacht wie ich, andere tragen Sportanzüge, wieder andere Jeans und T-Shirt. Bei meinem ersten Besuch am Strand einige Tage zuvor war ich fast ein bisschen enttäuscht. Alles wie immer, habe ich gedacht und kurz die vergangenen Wochen vergessen. Ich hatte Überwältigung erwartet, Tränen, Ergriffenheit. Auch jetzt, hier auf der Piazza sind es nicht die großen Gefühle, sondern eine langsame, zufriedene Ruhe, die sich in mir breit macht.