Judith schreibt von ferne

Derzeit studiert unsere Programmassistentin Judith Martin im Auslandssemester in Sassari, Sardinien. Hier schreibt sie von ihren derzeit verhinderten Streifzügen:

21. März 2020 abends, Viale Mancini am Küchentisch

Ich weiß nicht mehr, den wievielten Tag der Situation wir haben. Gestern habe ich viel die Wale an meiner Wand angeschaut und geschlafen. Abends dann getrunken. Heute ist besser, trotz des Katers, der mich bis in den Nachmittag außer Gefecht setzt. Das ist der selbstgemachte Limoncello, irgendwas stimmt an der Mischung nicht.

Auf dem Weg vom großen Conad – dem, der weiter weg ist und von dem aus man den schönen Blick bis zum Meer bei Alghero hat – komme ich am Krankenhaus vorbei. Gespensterstimmung. Vor der Notaufnahme steht ein Zelt zur Vorbehandlung für Virus-Verdachtsfälle, es sieht aus wie eine Hüpfburg in ernst. Zwei Rettungssanitäter ruhen sich am Eingang des Geländes aus. Ich lächle den einen zum Gruße an, ich grüße im Moment sowieso jeden, der mir unter die Augen kommt. Er nickt zurück, ohne den Mund zu verziehen.

Abends überprüfen wir die Zahlen. 800 Tote in Italien in den letzten vierundzwanzig Stunden, liest der Mitbewohner von seinem Bildschirm. Seit Mittwoch haben sich die Infizierten auf Sardinien täglich verdoppelt, die meisten von ihnen sind in Sassari. Man erzählt sich Gruselgeschichten über das Krankenhaus. Eine spanische Erasmusstudentin, die dort vor der Situation Praktikum als Krankenpflegerin gemacht hat, will den Virus in keinem Fall bekommen, weil sie nicht in diesem Krankenhaus enden möchte. Im Vorbeigehen lese ich vor einigen Tagen die Schlagzeile von La Nuova Sardegna: Chaos im Krankenhaus. Keine Ahnung, ob was dran ist. Ich habe aufgehört, mir Artikel durchzulesen, habe aufgehört, zu recherchieren, bin weniger auf Instagram und schaue keine italienischen Nachrichten mehr. Am ersten Tag, an dem die Uni geschlossen war, bin ich mit einem angeknacksten Zeh in die Notaufnahme. Da war noch alles ruhig, der Krankenpfleger, den ich gefragt habe, ob jetzt viel Trubel sei wegen Corona, hat abgewinkt. Während er mir den Zeh mit Tape fixierte, kamen seine Kollegen neugierig zu uns und haben mich gefragt, wo ich herkomme, ob das auf einer Erasmus-Party passiert sei, was ich studiere.

In den ersten Tagen haben wir auch noch überlegt, was wir jetzt mit unserer freien Zeit machen. Wir könnten uns ein Auto mieten und über die Insel fahren, wir könnten wandern gehen, wir könnten ans Meer. Dann kam Montagabend die Entscheidung, die Zona Rossa auf ganz Italien auszuweiten. Am Dienstag war Chaos. Viele haben Flüge nach Hause gebucht, manche mussten doch bleiben, weil sie gestrichen wurden. Zwei Tage lang durften wir noch für Sport und Spaziergänge nach draußen, dann wurde auch das untersagt. Wagen mit Lautsprechern sind durch die Straßen gefahren und haben das neue Dekret verlesen. Manche tragen weiße Maleranzüge, wenn sie einkaufen gehen. Es brauchte ein wenig Zeit, sich an die Situation zu gewöhnen. Je mehr wir uns gewöhnen, desto leichter wird es; je strenger die Maßnahmen, desto schneller nehme ich sie an. Mit jedem Tag werden die Masken mehr, mittlerweile sehe ich kaum noch jemanden ohne rumlaufen.

Auf dem Dach unseres Hauses brütet ein Vogelpaar, ich glaube, es sind Gartenrotschwänze. Eine Kohlmeise lebt in einem Loch in der Hauswand und auf dem gegenüberliegenden Haus sitzen häufig Tauben. Auf dem Balkon unten rechts sonnt sich morgens eine dicke Katze, ihre Besitzerin trägt ausgelatschte Plüschschlappen. Die Kinder über uns treten mit erstaunlicher Kraft auf und lassen gerne etwas zu Boden fallen, das nach Murmeln klingt. Ihre Mutter schreit manchmal rum und ihr Vater spielt mit ihnen Fußball im Hof. Wir haben uns jetzt auch einen Ball gekauft, den wir durch unseren Flur schießen, ich mit schlechtem Gewissen gegenüber den Nachbarn unter uns.

Ein einziges Transparent mit Regenbogen und einem der motivierenden Sprüche, die überall kursieren (Andra tutto beneoder Lontani ma vicini), hängt in unserem Innenhof, eine Italienflagge noch nicht. Manchmal komme ich mir vor wie an der Heimatfront, der Volkswille darf nicht brechen im Kampf gegen den Virus.

Als der Mitbewohner sagt, dass es ungemütlich werden könnte, wenn wir im Mai immer noch hier zusammenhocken, fühlt sich die Situation plötzlich sehr real an. Also hole ich den Limoncello raus, denn was bringt es, in Panik zu verfallen.