Judith schreibt von ferne

Derzeit studiert unsere Programmassistentin Judith Martin im Auslandssemester in Sassari, Sardinien. Hier schreibt sie von ihren Streifzügen:

ÜBER DIE STARE

13. März 2020, 11:30

Viale Mancini, auf dem Balkon
Die Stadt erinnert mich in diesen Tagen an die in Kunstharzblöcken erstarrten Insekten, die ich auf einem Flohmarkt in Berlin gesehen habe.
In meinem Hinterhof wird Frühjahrsputz betrieben. Frisch Gewaschenes hängt an den Leinen – eine Winterjacke ist dabei, ein paar Gardinen – und wartet darauf, dass die Sonne sich um die Ecke schiebt und sie trockenstrahlt. Putzeimer und -lappen stehen nach getaner Arbeit wieder auf den Balkonen und auch diese werden an der einen und anderen Stelle einer Säuberung unterzogen.
Manchmal höre ich meine Nachbarn von oben, nicht mehr nur durch die dünnen Decken sondern jetzt auch aus den Fenstern, wie Vater und Sohn sich streiten, zusammen schief singen und der Sohn nach dem Vater ruft, wenn er auf der Toilette fertig ist.

29. November 2019, 17:04

Viale Mancini, am Fenster, der Himmel voller Stare, eine dünne Mondsichel neben der RAI-Antenne
Die Möwen segeln mit geöffneten Schnäbeln durch den Innenhof. Es ist als hätten sich alle Vögel Sassaris in diesem Moment hier versammelt. Große Möwen, kleine Möwen, Rabenkrähen und immer wieder neue Wolken von Staren, die die weiße Kugel an der RAI-Antenne besetzen.
Eine Möwe lässt sich dort nieder, die Stare machen ihr Platz. Nur ein paar vereinzelte bleiben zurück. Als die Möwe auffliegt, verlassen auch sie ihren Vorabendplatz. Sie fliegen zu ihren Schlafbäumen, die über die Gärten und Grünflächen der Stadt verteilt liegen. Die Dämmerung ist fast vorbei und mein Zimmer schon so dunkel, dass das Licht des Laptops in meinen Augen schmerzt.
17:28. Anstelle von Staren nun Wasserwolken vorm Himmel, diese weniger schön weil grau statt schwarzgepunktet.

Zwischen den Jahren beobachte ich die tanzenden Wolken der Stare über dem Industriegebiet. Ein einziger Wille scheint den ganzen Schwarm zu bewegen, in Spiralen und Wendungen zu führen, ihn aufsteigen und absinken zu lassen. Wenn alle Vögel mit einem Schlag die Flugrichtung wechseln, geht ein silbernes Leuchten durch den Schwarm.

13. März 2020, 11:30

Viale Mancini, auf dem Balkon
Gestern Abend bin ich nach draußen getreten, um zu sehen, ob die Stare noch da sind, schon lange hatte ich sie nicht mehr beobachtet. An der Uni haben sie, einen Tag vor der Schließung, endlich die Scheiße weggespült, die bis dahin nur eingezäunt und mit Warnschildern versehen war und gestunken hat wie tausend nasse Berner-Sennen-Hunde. Wasser mit der Farbe von Pferdepisse ist in die Abflussgitter geflossen.  (Ähnliches Timing hat die Straßenbahn, die nach jahrelangem Stillstand seit ein paar Tagen wieder fährt.)
Die Luft war frisch und genau im Moment meines Heraustretens, so schien es mir, flog ein leicht zerstreuter Schwarm am dämmernden Himmel über unseren Hof.