Judith schreibt von ferne

Derzeit studiert unsere Programmassistentin Judith Martin im Auslandssemester in Sassari, Sardinien. Hier schreibt sie von ihren Streifzügen:

Rosengranit, in Falten gelegt. Ein Nashornkopf schaut in die wasserschweren Wolken, am Horizont leuchtet blau die Insel der weißen Zwergesel. Das Wasser, die Insel, die Fähre davor: alles ist von derselben Farbe. Am Ufer dominiert der rote Stein, der in die Höhe ergraut, und das Grün der Wacholderbäume. In den Furchen der Felsen rauschen Bäche, wir steigen hinab und überspringen sie.

Am Meer zu wandern ist immer eine doppelte Herausforderung: Es gilt, gleichzeitig den Horizont und die Landschaft im Blick zu halten. Manchmal nur schwer zu erkennen ist der ausgetretene Pfad, dem wir folgen sollen.

Wir schauen unablässig auf Maps und in die App, die uns sagt, wie viele Kilometer wir schon gegangen sind. Wir fragen uns, ob wir es rechtzeitig zum Bus schaffen.
Wir bestimmen Pflanzen und machen Fotos von den Blüten, die wir nicht kennen. Wir sind auf der Suche nach tropischen Sorten, fünf soll es auf Sardinien geben. Drei haben wir bereits gefunden.
Wir formulieren in unseren Köpfen die Sätze, die wir über diese Momente schreiben wollen: Jeder gehen wir in unserem eigenen Rhythmus.

Es gibt eine Pflanze mit herzförmigen Blättern und Dornen an den Rückseiten, deren Wurzeln man benutzt, um Blut zu sterilisieren. Oder Wunden zu desinfizieren? Zwischen unseren Sprachen gehen die Details verloren und unser Englisch mischt sich zu einem internationalen Potpourri.

Erst ist es ein feiner Niesel, der unsere warmgewanderten Körper benetzt. Dann wird es ein handfester Regen, der nicht mehr aufhören will. Wir kürzen ab.

Die Wege haben sich zu Bächen gewandelt, Wasser weicht Land auf, Land bricht ein. Eine metertiefe Stufe klafft plötzlich vor uns, kürzlich abgerutscht, Wurzeln ragen aus der Kante. Im Gebüsch hängt ein verrostetes Auto, das unmöglicherweise über diese Wege hier hin gekommen sein kann.

Wir erreichen die Haltestelle, an der wir gestartet sind. Das war so nicht vorgesehen. Auf der Terrasse eines verlassenen Restaurants wechseln wir in trockene Kleidung und essen unseren Proviant. Die Häuser sind verschlossen, die Lokale im Winterschlaf, stundenlang sind wir keinem anderen Menschen begegnet. An der Straße haben wir Glück: Das erste Auto, das wir anhalten, nimmt uns mit zurück nach Hause.