Judith schreibt von ferne

Derzeit studiert unsere Programmassistentin Judith Martin im Auslandssemester in Sassari, Sardinien. Hier schreibt sie von ihren Streifzügen und über Bücher. Heute über den Roman  Kintsugi von Miku Sophie Kühmel, der auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises stand:

„Das Haus stellt die Dinge scharf. Wie unter einer Schneekugel. Jedes Ding, jedes Objekt, jede Geste, jede Situation und jeder ausgesprochene Satz bekommt eine Rolle, einen Sinn. Die Farben setzen sich so deutlich voneinander ab, dass kaum eine Unklarheit übrig bleibt.„

In besagtem Wochenendhaus an der Brandenburgischen Seenplatte finden sich die vier Protagonisten von Miku Sophie Kühmels Debütroman Kintsugi zusammen: Das Paar aus dem Archäologen Max und dem Künstler Reik, ihr enger Freund Tonio und dessen Tochter Pega, die gerade mit ihrem Studium begonnen hat.

Es gibt einen besonderen Anlass, weshalb Max und Reik die beiden zu sich eingeladen haben. Die vier sind so etwas wie eine Familie, gemeinsam haben sie Pega aufgezogen und ihre Leben eine lange Zeit miteinander geteilt. Nun, da Pega in ihr eigenes Leben gestartet ist, sind die Strukturen, die die Beziehung zwischen allen bestimmt haben, in Bewegung geraten.

Während die vier sich der winterlichen Umgebung mit Wald, Forst, See und stilvoll eingerichtetem Haus inklusive einiger von Reiks alten und neuen Kunstwerken hingeben, haben sie viel Zeit zum Nachdenken. In den von Stille geprägten Pausen zwischen den gemeinsamen Essen blicken sie zurück auf die miteinander geteilten Jahre. Dafür sind die Essen umso stärker vom Dialog bestimmt und sowohl in Form als auch Inhalt theatral. Schon beim ersten Zusammenkommen wird das Schauspiel spürbar, das alle Figuren miteinander und voreinander aufführen. Die Sätze, die sie sich einander sagen, wirken dabei zum Teil grotesk gestelzt. Und schon beim zweiten gemeinsamen Essen eskaliert, was als betont fröhlicher Austausch inszeniert wurde, schnell zum Streit.

Aus der Ich-Perspektive erzählt jede Figur aus ihrer Vergangenheit sowie ihren Blick auf die gemeinsame Geschichte mit den anderen. Je mehr Winkel sich der Leserin eröffnen, desto weiter entfaltet sich das Beziehungsgeflecht. Dabei ergänzen die Figuren einander eher als dass sie sich entgegnen, kennen sie sich doch zu gut, und setzen eher weitere Steine auf den Turm der Geschichte als am Fundament zu rütteln. Das macht die Erzählung zu einer sehr stimmigen, geradlinigen. Und immer mal wieder wird der besondere Anlass des Wochenendes erwähnt, drängt sich aber zum Glück nicht als erzählerischer Suspense-Kniff auf.

Kühmel findet für alle Figuren eine eigene Sprache, die nur an wenigen Stellen ins rollenprosaische geht und eher in den Nuancen mitschwingt. Vor allem Pegas Erzählung lebt von ihrer Stimme und holt das Geschehen wieder zurück in die Gegenwart, nachdem es bei den drei älteren Figuren vor allem in der Vergangenheit verortet war. Das gibt dem Text zum Ende hin nochmal einen Schwung, den er zwischendrin etwas verloren hatte. Mit leichter Hand webt Kühmel feine Naturbeobachtungen in den Text und verleiht dem Ort eine große atmosphärische Bedeutung im Roman.

Die Abfolge der Kapitel in Ich-Perspektive ist keineswegs beliebig gewählt, sondern scheint durch die Nähe der Figuren zueinander bestimmt und schließt sich zum Schluss zu einem spannungsgeladenen Ring des Begehrens. Und auch das Haus wird, von Tonio und Pega vom See aus betrachtet, explizit zu der Theaterkulisse, die es schon das ganze Wochenende lang ist.

Miku Sophie Kühmel: Kintsugi, S. Fischer Verlag, gebunden, kostet 21 Euro.