Judith schreibt von ferne

Derzeit studiert unsere Programmassistentin Judith Martin im Auslandssemester in Sassari, Sardinien. Hier schreibt sie von ihren Streifzügen:

Im November spaziere ich zum Orangenpark und die Schildkröten sind nicht mehr da. Ich glaube wirklich, dass jemand sie eingesammelt und in seine Tiefkühltruhe gepackt hat für den Winterschlaf. Der Durchlass in der Beckenmauer sieht ohnehin mehr nach Tiger- oder Eisbärgehege aus als nach Schildkröten. Aus einem Rohr rinnt Wasser, auf den Steinbänken faulen die Orangen langsam vor sich hin.

Ins Tal hinab, durch matschige Unterführungen hindurch versuche ich, an den Stadtrand zu gelangen. Drei Straßen fließen zusammen und unter der Superstrada hindurch, hinter einer Trockensteinmauer stehen zwei verfallene Gebäude zwischen Olivenbäumen. Aus dem einen wächst heller Farn durch das ehemalige Dach, auf das andere lehnt sich schwer ein Feigenbaum.
Wäre das hier Hildesheim, wäre hier eine Kleingartenanlage. Wäre das hier Hildesheim, lägen wie hier Schutt und zertrümmerte Fliesen, leere Müllermilchflaschen und abgeschnittene Pflanzenteile im Gebüsch, nur stünde daneben ein Schild: Gartenabfälle abladen verboten. Wäre das hier Hildesheim, parkte ebenso ein einzelnes Auto neben einer Unterführung und es wäre ähnlich unheimlich. Und weil das hier nicht Hildesheim ist, sind die Kleingärten riesige Olivenhaine, aber alles andere ist genauso wie dort.
Von hinten nähert sich ein Auto, aus dem Beifahrerfenster blickt mich ein Mädchen skeptisch an. Ich folge ihm auf der mittleren Straße.

Irgendwann erreiche ich die Kuppe eines Hügels, wo die Verbindung zur Stadt nur noch durch Telefon- und Stromleitungen fließt. Auf den Kabeln, die hoch oben zwischen den Masten hängen, sitzen unglaublich viele Stare und machen einen Heidenlärm. Als ich mich ihnen nähere, verstummen sie auf einen Schlag. Nur einen Moment; dann geht das vielstimmige Konzert wieder los. Manche trillern, manche pfeifen melancholisch in die Tiefe. Dann gibt es ganz helle Krietscher und ab und zu ein trrrrrr, ein in die Höhe sich schraubendes Tirilieren. Immer mal wieder wechselt einer den Platz, von unten nach oben, von oben nach unten. Sie schauen alle in meine Richtung und ich frage mich, was wäre, wenn die Füße von Vögeln nicht immun wären gegen Strom.

Zum ersten Mal sehe ich die Stadt in ihrer Gänze von einem Punkt aus, zu dem ich nicht transportiert wurde. Ich will die Ränder erkunden und erfahren, wie sie in die Landschaft eingebettet ist, mit der Landschaft verbunden. Wie es vom einen ins andere übergeht, ineinanderfließt. Weil, von innen heraus, keine Ahnung, kann ich kein Gefühl dafür bekommen. Es gibt innen drin keinen Ort, von dem aus ich die Stadt gut überblicken kann.

Durch eine weitere Unterführung gelange ich wieder auf die andere Seite von der Superstrada. Wo das Regenwasser an den Betonwänden herunterläuft, wächst Moos.
Es geht wieder hinab, dorthin, wo die Luft frischer ist. Wind kommt auf, es fängt an zu regnen. Ich höre Wasser, natürlich auf einem privaten Grundstück. Hier wächst Schilf, Indiz für einen Fluss, und Bambus. Ich kann den Fluss nicht sehen. Es riecht nach Hundescheiße und ich hoffe, ich bin nicht reingetreten. Auf einem Informationsschild von der Commune di Sassari lese ich, dass es der Riu Giunceddu ist, auf den mir der Bambus den Blick versperrt.

Zuletzt komme ich zur Rennbahn, die ich schon kenne, die wieder Teil der Stadt ist. Ich bin überrascht, wie nah sie am Flusstal liegt, direkt am Abgrund quasi. Und ich freue mich, dass ich mir ein wenig mehr von meinem Umland erschlossen habe.