Judith schreibt von ferne

Ein aufgeschwemmter Fisch klemmt zwischen Holzbohlen: Die letzte Flut ist ihm zum Verhängnis geworden. Mittlerweile ist das Wasser der Marsch wieder gesunken und die Schuppen des Fischs sind zu rot-brauner Durchsichtigkeit getrocknet. Ameisen wimmeln durch seinen leergefressenen Kopf, bald ist nur noch eine Hülle übrig. Eine Wespe schwirrt heran.

Auf dem Bohlenweg zwischen Ufer und Straße bin ich hergekommen, zum Pontile I, von dem nur noch das hölzerne Skelett im dunklen Wasser steht. Die Straße scheint ferner als sie ist, gut abgeschirmt von Pinien, Wacholder und sommergehäuteten Eukalypten, deren Kronen durchlässige Schatten werfen.

Vorsichtig klettere ich auf das Gerüst und strecke meine Hand durch die dichte Wasseroberfläche: salzig.

Am Ufer steht hohes Schilfrohr, auf dem schmalen Dünenstreifen wächst Strandhafer. Vom Meer ziehen Möwen herüber und fliegen große Kreise über der Marsch. Nicht weit vom leblosen Fisch liegen zwei große Fladen von etwas, das Laich oder Kot oder aufgeschwemmte Algen sein könnte: organisch-grüne Murmeln, feucht und prall in einem dichten Glibber, der wackelt, wenn ich ihn mit meiner Schuhspitze antippe. Daneben winden sich verwelkte Blätter des Schilfrohrs.

Zwei, drei Schweißperlen lösen sich von den Rückseiten meiner Oberschenkel und rollen langsam durch meine Kniekehlen und die Waden herab.

Das Flitschen der auf der Jagd nach Mücken aus dem Wasser springenden Fische mischt sich mit der sirrenden Stille, die sich schwer über diesen Nachmittag gelegt hat. Wenn ich stillhalte, werden die Fische mutiger und wagen sich mit ihren zappelnden Körpern vollkommen in die Luft.

Es beginnt zu regnen. Sanft wispert es auf die Piniennadeln; der Wind trägt ihren Geruch bis hinaus aufs Wasser und antwortet leise im Schilfrohr. Ich sehe eine Stadt in der Ferne am Hang sitzen, über zieht ein Gewitter auf. Ich denke: Von ihren Brücken aus sieht man das Meer.

Ein kleiner, dreieckiger Kopf streckt sich aus dem Wasser. Ich halte ihn für den einer Schildkröte und erschrecke, als ich den langen, sich windenden Körper einer Wasserschlange sehe. Die Marsch hat jetzt die Farbe von Katzengold: schwarz spiegeln sich die Gewitterwolken im Wasser, golden darunter die von der Sonne angestrahlten Algen.

Stagno di Platamona heißt die Marsch, oder ist es ein Teich, ein Weiher? Zu Hause schaue ich im Wörterbuch nach, was lo stagno heißt: 1. Teich; Zinn. 2. wasserdicht; luftdicht.

Über den Bohlenweg zurück gehe ich zur Bushaltestelle. Am Wegesrand hat der Sturm einen Wacholder umgeworfen. Etwa die Hälfte seiner Äste ist von einer gräulichen Flechte bedeckt, ein Geisterbaum. Sein Stamm ist hohl und zersplittert, doch entwurzelt ist er nicht: Noch krallt er sich fest und die Zweige der Krone, die auf dem Boden liegt, sind grün und üppig mit den harten, violetten Beeren behangen. Die Wacholderzweige sehen nach Weihnachten aus.

Während ich mich im Bus der Stadt am Hang nähere, fällt der Regen, so stark und plötzlich wie es hier üblich ist, im Herbst. Bald werden die Bachläufe wieder gefüllt, die Wiesen wieder grün, die Erde wieder weich und feucht sein.

Derzeit studiert unsere Programmassistentin Judith Martin im Auslandssemester in Sassari, Sardinien. Hier schreibt sie von ihren ersten Streifzügen.