Judith schreibt von ferne

Unsere Programmassistentin Judith Martin hat ein Auslandssemester in Sassari, Sardinien, verbracht. Hier schreibt sie ein letztes Mal von ihren Streifzügen:

Eine riesige Brücke überspannt das fruchtbare Tal des Riu Sant’Orsola. Hier ist die Stadt abrupt zu Ende. Oben klebt sie noch am Hang, aber hier unten ist nichts mehr von ihr zu spüren: pures Land. Es ist das Tal, in dem die Fontana di Rosello steht, und ich will mich auf die Suche nach dem Fluss begeben.

Oben klackern Autoreifen über die Ritzen zwischen den einzelnen Betonteilen, ein Geräusch wie von Güterzugwaggons. Dazwischen hallt das Zwitschern einzelner Vögel unter den Elefantenbeinen der Brücke. Der Himmel hängt grau und regenschwer, in der Ferne sehe ich welchen fallen, aber noch ist es hier nicht so weit. Wind frischt auf und macht die Temperaturen erträglich.

Mit meinem Handy fotografiere ich die Karte, auf der die Siti di Interesse Storico – Archelogico – Architettonico markiert sind, und überprüfe, wie die Wege auf Maps aussehen. Ich will sichergehen, dass ich mich nicht verlaufe. Mehrere Quellen stehen auf meinem Plan, eine Kirche, eine Zisterne. Und der Fluss natürlich.

Eine Landmaschine mäht ein Kornfeld ab und lässt eine Spur aus kleinen rechteckigen Ballen. Auf dem Traktor sitzt ein Mann, ein zweiter – vermutlich irgendwie anverwandt – schaut ihm auf einem der Ballen sitzend zu und kontempliert. Die landwirtschaftlichen Geräte der Bauern hier sehen aus wie aus idyllischen Computerspielen. Die Felder sind klein und zerstückelt, nichts mit Flurbegradigung, es gibt Hecken und Grasstreifen zwischendrin, an den Wegrändern wächst Klatschmohn. Manche Felder sind sauber gehalten, andere offensichtlich ökologisch mit Raps als Bodenauflockerer zwischen den Kohlpflanzen.

Ich habe mich gegen einen Spaziergang und für mein Fahrrad entschieden. Es schien mir angebracht, ist es mir doch ein so wichtiges Fortbewegungsmittel geworden in den letzten Wochen. Im vergangenen Herbst war ich noch zu Fuß unterwegs, unbeholfen und fremd. Auf meinen ersten Spaziergängen durch die abgelegeneren Straßen rund ums Tal kam es mir vor, als würde ich durch die Vorgärten und Hinterhöfe der Menschen marschieren. Es herrscht auf der Insel ein allumfassendes Gefühl von Besitzanspruch und ich habe mich lange Zeit sehr als Eindringling, eben als Touristin gefühlt. Je mehr Wege ich mir erlaufe, desto schwächer das Gefühl. Zumindest Sassari gehört jetzt auch ein wenig mir, bilde ich mir ein.

Ich will mich also fahrend von der Insel verabschieden. Auch wenn das Verfahren ein anderes ist, als wenn ich zu Fuß unterwegs bin und meine Beobachtungen einspreche: die sosta, das Anhalten wird meine Aufnahmen bestimmen und ich werde weniger in den Fluss kommen, der sich im Idealfall beim Herumwandern einstellt. Aber der Weg, den ich mir vorgenommen habe, ist auch einfach zu lang und ich wäre ewig unterwegs, hätte ich mein Fahrrad nicht.

Das Land auf der Insel ist aufgeteilt; nichts mehr übrig, was noch jemand anderem gehören könnte. Der erste Sentiero Natura, auf dem ich zur Kirche und zu einer der Quellen kommen sollte, ist durch ein Tor mit massivem Schloss versperrt. Selbst der Schlupfwinkel links daneben ist verstellt; man soll also wirklich nicht weitergehen.

Ich muss weiterfahren. Die Kirche habe ich von Weitem schon gesehen, den Fluss kann ich nur erahnen. In der Mitte der Senke mäandert ein dunkelgrüner Streifen mit Brombeerhecken und anderem Ufergebüsch. Auch eine Gruppe Pappeln steht dort, glaube ich, und wenn ich mich richtig erinnere, sind sie ein Zeichen für Flussläufe oder wasserreiche Gegenden. Als ich mich auf mein Rad setze, fangen die Hunde der umliegenden Gehöfte an zu jaulen und zu quietschen und zu bellen, ihre Stimmen hallen durch das friedliche Tal.

Ich komme zu einem hübschen Gemüsegarten, der genau in der Mitte der Senke liegt. Das Feld wird von keinem Flussbett durchbrochen und mir fällt ein, dass der Wärter der Fontana di Rosello mir erzählt hat, der Fluss fließe unterirdisch. In dem Garten mäht ein Mann sein Gras mit einem langstieligen Gerät. Bei meinem letzten Besuch des Tals hat er bedächtig Zweige verbrannt und es roch nach Wunderkerzen. Ich habe mich gefragt, ob es das Holz des Erbeerbaums ist, das laut Ernst Jünger so gut riecht, wenn es im Frühjahr auf der Insel verbrannt wird. Oberhalb des Gartens riecht es jetzt nach einer Mischung aus ätherischen Ölen von den Pflanzen, die der Mann schneidet, und dem Motoröl seiner Mähgeräts.

Von meinem Fahrrad aus streift mein Blick viel Grün, viele schöne Anwesen, viele kleine und große Hügel. Aber auch unfertig gebaute Häuser, unverputzten Beton, leere Fensterhöhlen: aufgegebene Projekte. Der zweite Sentiero Natura ist zugänglich, sogar ein Wanderzeichen klebt an einem Straßenschild. Ich lasse das Rad stehen, der Weg ist schmal und zugewachsen. Es muss ein alter sein, vielleicht eine alte Römerstraße: Rillen und Stufen im ausgetretenen Fels zeugen von Wagenrädern und zahllosen Füßen.

Ich komme in einen kleinen Wald und an ein trockenes Bachbett, es beginnt leise zu regnen. Diese Stelle könnte auch in einem Wald im Weserbergland sein, die hohen Bäume, die in ihrem Schatten keine Macchia dulden, der vom trockenen Laub bedeckte Boden, auf dem ein Trampelpfad von Wildschweinen kündet. Es sind Steineichen und Feigen und andere Bäume, die ich nicht erkenne, aber es könnte auch ein Buchenwald sein, vom Gefühl her.

Auf der abfotografierten Karte sehe ich, dass ich schon längst an der Zisterne und den anderen beiden Quellen vorbeigekommen sein müsste. Aber alle Abzweigungen, die ich gesehen habe, waren Privatwege und Grundstückszufahrten. Also folge ich der römischen Straße weiter hinein in die Natur am Rand der Stadt.

Ränder sind hier schnell erreicht. Ich stehe neben dem Weg auf einer aufgegebenen Weide, das Gestrüpp lichtet sich und gibt den Blick frei auf einen aprikosengelben Abendhimmel, der sich am Horizont im Meer spiegelt. Ich sehe die Fabrikschlöte von Porto Torres und im Osten anschließend die Küste von Platamona; nordwestlich streckt sich die Landzunge von Stintino ins Meer, als wollte sie nach der Asinara-Insel greifen. Auf beiden Seiten der Halbinsel reflektiert das Sonnenlicht und lässt das durchsichtige Meerwasser golden strahlen. Hier, mit dem Blick auf zwei Küsten, spürt man die Insel stark.

Auch ist der Rand so viel leichter zu erreichen als die grau-grüne, bergige Mitte. Der Rand mit seinem vielgepriesenen Meer und den vielbeworbenen Traumstränden, die sich allzu leicht auf Postkarten bannen lassen.

An eine Grundstücksmauer hat jemand mit schwarzer Farbe gepinselt: Eri, sei e sarai. Du warst, du bist und du wirst sein. Graffiti und Wandbemalungen gibt es hier viele: Sto con i pastori sardi; contro su stadu cun sos pastores; sardinia libera; no basi. Unterstützung für die sardischen Schäfer, Forderungen nach Unabhängigkeit Sardiniens, Ablehnung der NATO-Militärbasen. Manchmal wird auch nur die Freilassung von einzelnen Inhaftierten gefordert. Als ich Anfang des Jahres nach der Sardinenbewegung auf der Insel gefragt wurde, habe ich geantwortet, dass es die nicht gäbe in Sassari, nicht einmal Fridays For Future gäbe es hier. Später habe ich in der Zeitung gelesen, dass der italienische Landeskongress von FFF in Sassari stattfinden sollte. Es war wohl eher meine Blase aus Uninformiertheit, meiner geringen Italienischkenntnisse und der Bequemlichkeit der internationalen Crowd, die mich vom politischen Geschehen des Landes und der Insel isoliert hat. Sowieso weiß ich wenig über Sarden zu sagen, ich gestehe mir nicht zu, ein Bild von ihnen zu zeichnen. Ich habe über Bräuche und Gewohnheiten gelesen und gemerkt, dass weniger gehupt wird als auf Sizilien und alle meistens sehr freundlich sind, das ist alles.

Michela Murgia schreibt, dass die Sarden gastfreundlicher werden, als je fremder sie jemanden markieren wollen. Von manchen Autorinnen habe ich einen Blick auf die Insel bekommen, aber bei weitem nicht von genügend. D. H. Lawrence fehlt mir noch und fast alle sardischen Autorinnen. Bevor ich hergekommen bin, hat sich etwas in mir dagegen gesträubt, zu viel zu lesen. Ich wollte meinen Blick nicht verstellen, nichts erwarten von Dingen, die ich nie gesehen hatte.

Der Römerweg verzweigt sich, stößt immer wieder an die Rückseiten von Grundstücken und passiert alte, zuwachsende und neue Sportplätze. Als ich in eine Art Neubausiedlung gelange und der Weg zu einem vergessenen Schleichweg zwischen den Gärten wird, drehe ich um. Bevor ich mein Fahrrad erreiche, unternehme ich einen letzten Versuch, die Zisterne zu finden. Cisterna Manca heißt sie, ich hätte auf den Namen hören sollen. Stattdessen klettere ich über eine niedrige Mauer und tauche ein in ein nach Oregano duftendes Gestrüpp, durch das sich schmale Pfade ziehen. Ich muss mich durch piksende Büsche schieben und gelange an einen Felsen, vor dem es steil hinabgeht. Über die Kronen der Steineichen hinweg blicke ich auf einen dunkelgrünen Hang, an dem eine kleine Villa sitzt. Rechts von mir ist eine Stelle, an der Wild gejagt wurde oder Jäger eine Rast gemacht haben. Zwischen den grau-weißen und moosgrünen Steinen liegen blaue und grüne Patronenhülsen durcheinander, Fremdkörper aus Plastik, die ich auf Sardinien zum ersten Mal gesehen habe.

Irgendwo auf diesem Gelände muss die Zisterne sein, aber ich traue mich nicht, zu nah an den Zaun des nächsten Grundstücks zu gehen, weil ich dort einen zwar friedlich liegenden, aber dunkel und böse bellenden Hund gesichtet habe. Ich gebe meine Suche auf; das erste Feuer des Abends wurde angezündet, ich rieche den Rauch herüberziehen, während ich mir einen Weg durch die Büsche suche.

Mein Vorhaben, dem Fluss der Fontana näherzukommen, hat nur halb geklappt. Manchmal ist es hier nicht so einfach, irgendwohin zu kommen. Entweder steht die Natur im Weg oder der Grundbesitzer; Schilder fehlen, sind nicht mehr beschriftet oder fehlerhaft. Ein profaner Spaziergang wird zum Abenteuer und ich freue mich umso mehr, wenn ich finde, was ich suche. Und auch wenn ich es nicht finde, hat sich die Suche gelohnt. Mein Blick ist offen, ich registriere jedes Detail, interpretiere die Landschaft, sammle Material. Habe ich einmal gefunden, was ich suche, verengt er sich und es wird schwierig, ihn wieder zu weiten.