Judith liest

Marius Goldhorn: Park

„Arnold beobachtete eine Gruppe Männer. Sie standen vor Stapeln Rubellosen auf mobilen Holztischen, die von Fahrradspannern zusammengehalten wurden. Arnold dachte: Seitdem die Welt untergeht, sieht alles besser aus. Die Männer rauchten billige Zigarillos und trugen schöne, alte Lederschuhe. Arnold wartete auf ein Körpersignal, das ihm Aufbruch oder Entdeckerlust vermittelte. Ein Mann drückte ihm einen Werbeprospekt für einen Meditationsworkshop in die Hand.“

Wir begegnen Arnold, dem Protagonisten von Marius Goldhorns Debütroman Park, auf seinem Weg von Paris nach Athen. Dort soll er Odile, die er aus Berlin kennt, dem dritten Schauplatz des Romans, bei einem Filmdreh unterstützen. Odile und Arnold haben sich nach einer kurzen, intensiven Beziehung aus den Augen verloren und der Aufenthalt in Athen kann die Möglichkeit sein, einander wiederzufinden.

Auf seinen Streifzügen durch diese drei europäischen Hauptstädte hängt Arnold in seinen Gedanken fest und beobachtet eher nebenbei das städtische Treiben. Im Gedankenstrom des Protagonisten, seinen Chats und Gesprächen mit Freunden verbinden sich aufgeschnappte, ergoogelte und im Internet überstolperte Informationsfetzen. Die Beobachtungen und Eindrücke aus seiner physischen Umgebung vermischen sich mit Push-Nachrichten auf dem Handy, Erinnerungen und Fantastereien. Dabei ist die Welt des Internet oft präsenter als die physische: Die Menschen, die Arnold draußen sieht, werden schematisch und entindividualisiert beschrieben, als würde sein Blick sie nur kurz streifen und ihnen ein paar Schlagworte zuordnen, ohne wirklich hängen zu bleiben. Er bewegt sich durch eine vorgeformte, überprägte Welt der Eiffelturm-Schlüsselanhänger und auf Google Maps nachgezeichneten Fahrradrouten, die immer auch an anderer Stelle existiert oder auf etwas anderes verweist. Arnolds Träume und Abschweifungen kippen oft ins Brutale und wachsen sich immer mehr zu Wahnvorstellungen, zu fast banalen Alienfantasien aus, die er sich auch aus einem Trashfilm abgeguckt haben könnte.

Auch Arnolds Wahrnehmung seines Körpers ist durchdrungen von seinem IPhone. Er beobachtet, überprüft und bewacht sich genau. Und auch sprachlich dringt das Digitale in den Roman, wenn Arnold aus einem unruhigen Traum erwacht und sein „System übersteuert“ ist oder er perplex und „im gesperrten Modus“ im Raum steht. Als durchtechnologisierter Hauptstadtspaziergänger erinnert er an die Figuren aus Leif Randts Debütroman Leuchtspielhaus. Aber anders als dort verbleibt es in Park nicht an den glatten Benutzeroberflächen und Arnold ist keine abgeklärte Pop-Figur, an der alles abgleitet; immer wieder scheint eine Verletzlichkeit durch, zeigen sich Ängste und Zweifel und beinahe romantische Sehnsüchte, denen er sich, wenn auch vorsichtig, hingeben kann.
Die Überreiztheit der Welt, durch die er wandelt, überfordert ihn, und beim Surfen im Internet überkommt ihn bisweilen eine Angst vor der Informationsflut. Statt deswegen in eine detoxte Natur zu fliehen, setzt er sich aber den Reizen noch mehr aus und geht beinahe vollkommen im Ethernet auf.

In Athen, schon auf dem Rückweg nach Berlin, gerät Arnold schließlich in die physische Realität der politischen Geschehnisse. Auf einer Demonstration wird er festgenommen, in einem Hotel ohne Strom muss er die Wartezeit auf seinen Flug überbrücken. Dass sich die kriselnde Gegenwart dort in dystopischen Szenen entlädt, scheint ihm gut zu tun oder zumindest recht zu sein. Und obwohl er mittendrin ist, kommt die Realität trotzdem nicht ganz an ihn ran: Er macht, nachdem er kurz von der Polizei aufgegriffen wird, mit seinem touristischen Programm weiter und schafft es im dunklen Hotel endlich, an seinen Gedichten weiterzuschreiben.

Marius Goldhorn findet eine eindringliche, präzise und neue Sprache für die absolute Gegenwärtigkeit in seinem Roman. Dabei leidet der Roman nicht an seiner Gegenwärtigkeit sondern ist vielmehr eine Momentaufnahme des Jetzt, die über sich hinausweist.

Marius Goldhorn, Park. 179 Seiten. Erschienen 2020 im Suhrkamp Verlag, kostet 14 Euro.