Judith liest von ferne

Derzeit studiert unsere Programmassistentin Judith Martin im Auslandssemester in Sassari, Sardinien. Hier schreibt sie von ihren ersten Streifzügen:

Fleißig strömt das Wasser aus Löwenmäulern und Fischmündern und spült mir die Geräusche des Tages aus dem Kopf. Oben auf der Brücke rollen Autos in die kalkweiße Stadt, Kinder rufen herunter und winken, ich winke zurück. In meinem grünen Tal hier unten ist es ruhig.

Aus der Stadt bin ich gekommen, habe den Fluss gesucht, der das Tal gegraben hat. Bin auf jede Brücke gegangen, die ich fand, bin zu den Gärten hinabgestiegen: ohne Erfolg. Der Fluss verbirgt sich vor den neugierigen Augen der Neuangekommenen. Aber von den Brücken aus sieht man das Meer.

Die zwölf Löwen stehen für die zwölf Monate, erklärt mir ein Mann, der Aufpasser, Reiseführer und Instandhalter des Brunnens in einem ist. An den vier Ecken vier Figuren für die Jahreszeiten. Gebaut Anfang des siebzehnten Jahrhunderts, Renaissance, Symbole aus der Griechischen Antike. Ein Flussgott liegt lässig auf dem Dach des Brunnens, über ihm reitet der Stadtheilige San Nicola, Türme repräsentieren die alte Stadtmauer. Man müsse den Brunnen als Allegorie für den Fluss der Zeit lesen, sagt er und schaut auf seinem zersprungenen Handydisplay nach, wie lang es noch ist bis zum Feierabend.

Aus dem Fisch zu Füßen der sommerlichen Venus, die ein Bündel Ähren geschultert hat, strömt am meisten Wasser. Probieren soll ich es nicht, die Leitungen wurden nicht mehr erneuert, seit vor hundertfünfzig Jahren der Fluss in einem anderen Tal angezapft wurde. Die Quelle sei rein, nur könne man nicht wissen, was auf seinem Weg in das Wasser gelangt ist.

Das prachtvolle Gebäude erinnert mich an einen Tempel, ich will wissen, wie es im Inneren aussieht. Eine blau-grünlich schimmernde Tropfsteinhöhle mit Altar, weitere Figuren, ein mystisch goldenes Glänzen aus verborgener Quelle?
Eine rostige Tür verschließt den schmalen Schacht, der für Wartungsarbeiten in die marmorne Wand gelassen wurde. Durch einen Spalt erkenne ich eine Halle, ein weiteres, großes Becken, in dem das Wasser angestaut wird. Im Licht meiner Handytaschenlampe sieht es grau und funktional aus, die Symbolik bleibt draußen.

Wenige Schritte entfernt das Waschhaus. Unterirdisch verborgen erreicht der Sant’Orsola die Fontana, unterirdisch verborgen fließt er weiter in die Becken des Waschhauses. Auch hier muss ich lugen, durch einen Spalt im Zaun, denn die Holzkonstruktion schwächelt unter dem Gewicht des Betondachs. Ein langgestrecktes, schmales Becken liegt in der Sonne, die Wasseroberfläche leicht bewegt von dem durchströmenden Wasser. Etwas zu schmal zum Schwimmen, ich würde es trotzdem gerne tun.

„Aber das Ding lädt einen schon ein draufzuklettern. Oder?“ – „OH ja.“
Zwei deutsche Touristinnen schlendern um die Fontana. Später im Gästebuch lese ich, dass sie aus Bergkamen kommen und 24 Jahre alt sind. Die eine trägt den Rucksack, die andere die Kamera. Sie verbringen die letzten Wochen ihrer Semesterferien an einem Ort, an dem der Sommer sich noch zwischen den Häusern hält und wo man baden gehen kann, ohne dass es sich anfühlt wie eine Mutprobe.

Ich bin wieder oben, am Kreisverkehr mit einem einzelnen Olivenbaum in der Mitte. Die Häuser strahlen das gelbe Abendlicht ab, Mofas knattern durch die engen Straßen, aus einem vorbeifahrenden Auto dringt der immergleiche Beat von spanischem Reggaeton. Ein junger Mann trägt ein Sixpack Wasserflaschen nach Hause. Das Wasser aus den Leitungen soll man nicht trinken, nicht einmal zum Waschen wurde es früher genutzt: zu viel Kalk. Manchmal koche ich es ab, aber es schmeckt seltsam.