Judith liest von ferne

Derzeit studiert unsere Programmassistentin Judith Martin im Auslandssemester in Sassari, Sardinien. Hier schreibt sie über junge Gegenwartsliteratur, die ihr Leben auf der Insel bereichert:

„Und auf einmal wird mir klar, dass Laila diese Unschärfe in mir zurückgelassen hat, an einer empfindlichen Stelle, dort, wo wir einmal miteinander verbunden waren. Ein Körper, unser Haus, zwei Herzen. Da ist er wieder, dieser unbedingte Wunsch, auch sie möge nach mir suchen, mir einen Platz in ihrem Leben einräumen.“

Laila und die Ich-Erzählerin Linn wachsen gemeinsam in Berlin kurz nach der Wende auf. Sie sind so eng befreundet, dass zuweilen die Grenze zwischen ihren Köpfen und ihren Körpern aufzuweichen scheint. Sie teilen alles miteinander, erleben alles miteinander, begehren einander, kennen einander wie sonst niemand. Als Lailas Großmutter zurück in die Türkei geht, nehmen Linns Eltern Laila bei sich auf.  Irgendwann aber, nicht viel später, geht die Freundschaft der beiden in die Brüche. Was ist passiert? Wie konnte es dazu kommen?

Als Erwachsene begegnet Linn – gerade mit ihrem Partner in ein Neubaugebiet in der Nähe des Mietshauses gezogen, in dem sie aufgewachsen ist, kurz vor Abschluss ihrer Doktorarbeit stehend und in Erwartung eines Kindes – in der Bahn zwei Mädchen, die in ihr die Erinnerung an diese besondere Freundschaft wachrufen.

Lene Albrechts Debüt Wir, im Fenster ist ein Roman über ein kindliches Großstadtuniversum, über eine zu eng gewordene Freundschaft, über die gegenseitige Imitation von Kindern und Erwachsenen und über Familien, die einen unterstützen oder eben auch nicht. Sie erzählt eine Geschichte über Teilung und Wiedervereinigung, darüber was zusammengehört und was lieber souverän bleiben sollte. Wir, im Fenster erinnert an Romane wie Und es schmilzt von Lize Spit, Räuberhände von Finn Ole Heinrich oder Tigermilch von Stefanie de Velasco.

Schon bevor Laila zu Linn zieht, bauen die beiden sich einen imaginären Rückzugsraum auf, in dem Linn sich jedoch nicht wohlfühlt und Laila sich und die Freundin immer mehr abzuschotten beginnt: eine Bedrohlichkeit legt sich über die Freundschaft, verstärkt durch die erinnernde Erzählweise der Ich-Erzählerin, die dem Trauma auf der Spur ist, das sich durch und mit dem Bruch der Freundschaft entstanden ist.

Je weiter die Erzählung voranschreitet, desto unsicherer wird die Erzählerin, was sie wirklich sieht und hört und was ihrer Fantasie entspringt, in die sie sich immer wieder zurückzieht. Damit wachsen auch die Unsicherheiten im Bezug auf die eigenen Erinnerungen an ihre Freundschaft zu Laila und darauf, was wirklich passiert ist, was sie verdrängt oder vergessen, was sie eventuell niemals so erlebt hat.

Lene Albrecht baut eine knisternde, zuweilen fast mystische Atmosphäre um die beiden jungen Mädchen und ihre kindliche Sexualität auf, ohne sie jedoch zu Nymphen zu machen. Das Verhältnis zwischen Linn und den Eltern wird durch präzise gearbeitete Szenen deutlich: das homogene Team gibt es ebenso wie Linns pubertäre Ablehnung der Eltern und die Geheimnisse, die die Jugendliche mit der Zeit entwickelt und sorgfältig hütet.

Das Privileg, eine „funktionierende“ Familie zu haben, spielt eine zentrale Rolle in der Auseinandersetzung der erwachsenen Linn mit ihrer Geschichte. Denn auch wenn die Eltern viel mit sich selbst beschäftigt sind, der kindlichen Linn wenig Regeln setzen und Eltern und Kind manchmal stark aneinander vorbeileben, ist da die Sicherheit, dass sie sie auffangen, wenn etwas passiert. Im Kontext dieser Familie lädt Linn sich eine Schuld auf gegenüber Laila und den anderen Kindern aus ihrer Wohnsiedlung, die weniger starke Auffangnetze hinter sich haben.

Die erwachsene Linn scheint in einer Krise zu stecken, ihr Partner stellt einmal fest, dass sie neben der Spur sei. Die Erinnerung an die Freundschaft, die Verarbeitung des Bruchs scheint nötig zu sein an dem Wendepunkt, an dem sie mit Doktorarbeit und Sesshaftwerden gerade steht. Ob sie auf ihrer Suche nach Laila fündig wird?

Lene Albrecht: Wir, im Fenster. Aufbau-Verlag Berlin 2019, 20 Euro.