Judith liest: Ronya Othmann

„Das alles, dachte Leyla, war jedes Jahr für die Dauer eines Sommers auch ihres. Als ob sie, aber wahrscheinlich wusste sie das damals noch nicht, sondern begriff es erst später, immer wieder für die Dauer von ein paar Wochen ihr Leben unterbrechen würde, um an einem anderen Ort ein anderes Leben weiterzuführen, das sie dann nach Ablauf dieser paar Wochen erst ein Jahr später wieder fortsetzte. Und nie reichte die Zeit, immer weinte die Großmutter zum Abschied und bat den Vater, Leyla doch einfach das ganze kommende Jahr lang dazulassen.“

Lelya Hassan, die Protagonistin von Ronya Othmanns Roman Die Sommer, fährt jedes Jahr in den Sommerferien ins Dorf ihres Vaters, zur Großmutter, zu Tanten, Onkeln, Cousins und Cousinen, zu einem Teil ihrer Identität, der das restliche Jahr über größtenteils abwesend ist. Das Dorf liegt im Norden Syriens an der Grenze zur Türkei, sie und ihre Familie sind jesidische Kurden. Als 2011 die Arabische Revolution zunächst Hoffnung und Euphorie verbreitet und bald in einen schrecklichen Bürgerkrieg und den Terror des Daesh kippt, ändert sich alles für Leyla.

Ronya Othmann erzählt in ihrem Debütroman die Geschichte eines Coming-of-Age unter erschwerten Bedingungen. Ihre Protagonistin ist zerrissen zwischen den beiden Welten, in denen sie sich bewegt. Sie leidet unter der Last der historischen und persönlichen Traumata der Kurden im Allgemeinen und ihrer Familie im Besonderen, die durch Vertreibungen, Staatenlosigkeit, politische und religiöse Verfolgung und Ausgrenzung schon seit der Kindheit der Großmutter gezeichnet ist. In Deutschland macht Leyla Erfahrungen mit Rassismus, die politischen Konflikte zwischen Kurden und anderen Nationen werden auch in der Schule ausgetragen, ihre Freundinnen verstehen Leylas Sorgen nach dem Sommer 2011 nicht. Leyla ist überfordert von der Verantwortung, Kurdin zu sein, die ihr Vater ihr immer wieder bewusst macht, und von der doppelten Aberkennung ihrer Identität von außen, einmal als Kurdin und einmal als Halb-Kurdin, die nicht richtig dazugehört.

Die glücklichen Kindheitssommer, die Othmann zunächst in einem intensiven Strom aus sommerlichen Szenen und Bildern aufbaut, trüben sich irgendwann ein mit der Ambivalenz der Realität und den im Nachhinein von den Ereignissen nach der Revolution gefärbten Erinnerungen. Normalerweise wichtige Stationen von Figuren im Coming-of-Age-Roman wie Abitur, Auszug, Studium und erste Liebe, werden schließlich bedeutungslos vor dem Hintergrund der Katastrophe, die sich ab dem Sommer 2011 im arabischen Raum abspielt. Leyla, die ihre Sommer immer in der kurdischen Heimat verbracht hat, muss in Deutschland bleiben und sich mit der Position der Beobachterin von Kriegsgeschehnissen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit abfinden: „Das Schlimmste, sagte Leyla, ist das Zusehen. Ich kann nicht mehr zusehen.“

Auch der verzweifelte Kampf ihrer Eltern, die Familie nach Deutschland zu holen, und das Scheitern am deutschen Behördensystem wird erzählt. Leyla geht daran kaputt, den Krieg mitzubekommen und nicht handeln zu können. Gleichzeitig begleiten sie Schuldgefühle – sie gesteht sich weder zu, ein unbeschwertes Leben zu führen, noch unter der Katastrophe zu leiden.

Ronya Othmanns Sprache ist geradeheraus, fast drängend, aber dabei präzise und eindrücklich: dass viel erzählt werden will und muss ist von Anfang an spürbar. Stimmung und Atmosphäre entstehen, ohne dass die Erzählerin sich viel dabei aufhält. Othmann ist ein beeindruckendes Debüt gelungen, das im vergangenen Sommer viel Beachtung und Lob erfahren hat. Auch jetzt noch eine klare Leseempfehlung!

Ronya Othmann: Die Sommer. Carl Hanser Verlag 2020, 285 Seiten gebunden kosten 22 Euro.

Judith Martin studiert Literarisches Schreiben und arbeitet bei uns als Programmassistentin.