Judith liest: Hütten

„Dass wir wirklich eine Hütte bauten, konnte ich erst glauben, als ich das erste Mal durch ihr Fenster sah. Oder das, was das Fenster sein würde. […] Ich stand zwischen den schlanken Brettern und sah auf die Kiefern und Eichen, hinter denen man jetzt, im Sommer, den See nur erahnte. Es war der Blick, den ich gleich gemocht hatte, als ich mehr als zwei Jahre zuvor zum ersten Mal hier war, und den ich inzwischen so gut kannte. Aber jetzt war etwas anders. Der Holzrahmen fasste die Bäume und den See ein wie ein Bild. Die Natur war zum Ausschnitt geworden. Sie war nicht mehr einfach nur da, sie war für mich da. In dem Moment begriff ich, was es hieß, ein Haus zu bauen.“ (S. 62)

Von ihrem Wunsch, eine Hütte auf dem Land zu besitzen, geht Petra Ahne aus und umreißt die kulturelle Bedeutung dieser einfachen Form des Wohnens. In essayistischen und erzählenden Betrachtungen verfolgt sie die Bedeutung der Hütte in Kultur und Architektur im Verlauf der Geschichte. Die Hütte als ursprünglichste Behausung, als Herberge für Heldinnen, Gestrandete, Geflüchtete und freiwillig der Gesellschaft Entflohene, und schließlich als Tiny House, in dem Wohnlösungen der Zukunft erforscht werden. In klaren, sanften Sätzen leitet sie durch die Kulturgeschichte der Hütte. Währenddessen kommt sie immer wieder zum Bau ihres eigenen Landhäuschen zurück, zur Geschichte der Siedlung an dem See in Brandenburg und der Nachbarschaft zu anderen Hüttenbewohnerinnen. Auch Henry David Thoreaus Behausung am Walden Pond fehlt in Ahnes Betrachtungen nicht. Angenehmerweise hebt sie ihn aber nicht so stark hervor, wie es die aktuell intensive Verwertung seiner Schriften und seiner Lebensweise in der Popkultur befürchten ließe. Gleichberechtigt steht er neben anderen Sichtweisen auf Hütten, zum Beispiel in der Literatur als Ort der Befreiung von gesellschaftlichen Normen wie in Johanna Spyris Heidi, und deren reale Bewohnerinnen wie den Amerikaner Ted Kaczynski, der von seiner Hütte in Montana aus Briefbomben verschickte und Pamphlete gegen die moderne Gesellschaft verfasste.

So wird die Hütte zunächst in den architekturtheoretischen Schriften um die „Urhütte“ als Ort der Menschwerdung und der Kultivierung betrachtet, mittlerweile steht sie jedoch mehr für eine wiedererlangte Nähe des Menschen zur Natur. Petra Ahne rechtfertigt schließlich ihre Entscheidung für eine Hütte auf dem Land als Ort zur Erholung vom Berliner Alltag damit, dass sie ein Ort ist, der sie der Natur wieder näherbringt. Die Hüte helfe ihr, eine Verbindung zur Natur wiederaufzubauen, die sie als gekappt betrachtet. Nicht nur bei sich, sondern allgemein gesellschaftlich und vor allem in der (Groß-)Stadtbevölkerung. Sie sucht die Naturerfahrung nicht weit von ihrem Hauptwohnsitz Berlin, an einem unspektakulären Brandenburger See, statt in entfernte, extreme und womöglich sensible Naturräume nach Norwegen oder Alaska zu reisen. Dennoch hinterfragt sie ihre Wahrnehmung der Landschaft vor ihrer Hütte, die durch industrielle Landwirtschaft geprägt ist, und thematisiert auch die negativen Auswirkungen der touristischen Naturnutzung. Und erzählt selbstkritisch, wie ihr Nachbar sich zwar freut, dass sie nun dort wohnt, aber gleichzeitig anmerkt, dass es mehr dauerhafte Einwohner in dem Ort bräuchte, nicht bloß Wochenendgäste.

In den Gedanken über ihre eigene Hütte befindet Petra Ahne sich konstant in der Diskrepanz zwischen kulturell aufgeladenem Sehnsuchtsort und anthropozäner Wirklichkeit. Sie lotet dieses Feld aus, schlägt sich auf keine Seite und wertet nicht, sondern resümiert stattdessen: „Die Hütte in der Natur bleibt eine Fantasie, auch wenn sie Wirklichkeit geworden ist.“ Aber sie ist auch ein Ort, der die Bewohnerin der Natur wieder näherbringen kann. Und Hüttenist eine anregende, informative Lektüre, die das Thema Mensch-Natur-Kultur aus einem interessanten Winkel betrachtet.

Hütten ist erschienen in der Naturkunden-Reihe von Matthes und Seitz, die herausgegeben wird von der Autorin und Grafikerin Judith Schalansky und sich mit einem Bereich der Literatur befasst, der als Nature Writing bezeichnet wird. Das schmale Hardcover-Buch ist ausgesucht gestaltet, in grüner Tinte gedruckt, mit Illustrationen und Bildern versehen und die Seiten fassen sich weich an. Die Journalistin und Autorin Petra Ahne hat in der Reihe bereits einen Band über Wölfe veröffentlicht.

Petra Ahne: Hütten. Obdach und Sehnsucht, Matthes & Seitz Berlin, gebunden, kostet 28 Euro.

Judith Martin studiert im Master„Literarisches Schreiben„ und arbeitet als Programmassistentin im Literaturhaus St. Jakobi.