Judith liest: Flexen

Flexend durch die Stadt spazieren

„Braucht man dafür ein neues Wort? Muss es wirklich das Flexen sein? Ja, muss es. Denn das, was ich mache, ist nicht einfach nur ein nettes Herumspazieren, ein Lustwandeln, eine Selbstverständlichkeit. Ich bin noch kein Teil einer Tradition, es gibt von mir noch kein Bild mit Spazierstock und Zylinder auf den großen Boulevards, keine Literaturgeschichte. Wenn ich mich in Städten bewege, heißt das: Aufpassen. Oder es heißt: Gesehen werden. Oder: Vollkommen unsichtbar sein.“

Stimmen aus Städten, die sonst wenig Gehör bekommen: keine Dandys, keine Flaneure sind in dieser Anthologie unterwegs, sondern Flâneusen, also Spaziergänger*innen, die Frauen, People of Colour oder Queers sind.  Flexen. Flâneusen* schreiben Städtelautet der Titel der Anthologie, die Texte von 30 Autor*innen versammelt und gerade im Verbrecher-Verlag erschienen ist. Hier werden zwei Begriffe zusammengebracht: das Flexen als Haltung gegenüber der Stadt – stark, posierend, die eigenen Kräfte zur Schau stellend – und die Flâneuse als (Rand-)Figur, die sich spazierend durch die Stadt bewegt. Unterschiedlich in ihrer Form, ihrer Länge, ihrem Inhalt teilen die Texte über das Thema des Flanierens einige Gemeinsamkeiten. Viele scheinen autofiktional angelegt zu sein, arbeiten mit Erinnerungen, sind von einem Ich erzählt, verhandeln Themen wie Herkunft und Familie, haben die Nacht als Zeitpunkt der Handlung gewählt.

In Halina Mirja Jordans Text „Always Hungry” ist eine junge Sexarbeiterin auf dem Weg zu einer Kollegin und beschreibt ihren Parkour durch die nächtliche Stadt, die vielleicht Amsterdam ist. Als Mädchen wurde der Erzählerin beigebracht, sich draußen zu fürchten, vor allem im Dunkeln. Mittlerweile hat sie sich eine Haltung erarbeitet, die es ihr ermöglicht, mit sicherem Gefühl durch die nächtliche Stadt zu gehen. Und sie hat gemerkt: Die eigentliche Gefahr lauert drinnen. Ihre flexende Straßen-Persona hat sie von ihrem verletzlichen Ich abgespalten, eine positive Selbstermächtigung, kein negativer Zwang. Als ihr geschütztes, härteres Viertel-Ich konsumiert sie die Stadt und bewegt sich selbstverständlich hindurch.

Eine Haltung gegenüber der nächtlichen Stadt, über die sich die amerikanische Autorin und Übersetzerin Lauren Elkin vermutlich freuen würde. In ihrem den Band abschließenden Interview fordert sie, dass sich marginalisierte Städter*innen ihre Plätze in der Stadt erkämpfen, und weist darauf hin, wie männlich die Städte (noch) geplant sind. Sie hat den Begriff der „Flâneuse“ als Gegenentwurf zum männlichen Flaneur geprägt und beschäftigt sich in ihrer Forschung mit Spaziergängerinnen und einem nicht-männlichen Blick auf die Stadt in der Literatur. Eine Flâneuse ist für sie subversiv, hinterfragt die Regeln der Straße, weil sie sich mit anderen Bedürfnissen, mit einem anderen Hintergrund als der Flaneur durch diese bewegt. Sie ist eine marginalisierte Figur, eine Randfigur, die keine Wahl hat, ob sie sich einer Öffentlichkeit stellt, sondern immer von dieser eingeordnet wird, zum Beispiel durch Belästigungen in Form von Pfiffen oder Rufen. Elkin beschäftigt sich auch mit der Frage des Unterschieds zwischen Flâneuserie und Tourismus. Für sie ist klar: sobald sie eine ihr fremde Stadt durchwandert, kann sie sie kennenlernen, sie sich einverleiben, eventuell sogar Teil von ihr werden.

Auch in Simoné Goldschmidt-Lechners Text sind wir nachts unterwegs durch eine Stadt, die durch und durch Metropole ist: sie könnte überall sein. Sie könnte New York sein, sie könnte Johannisburg sein, sie könnte Hamburg sein. Was zunächst wirkt wie der Besuch der Kindheitsstadt, deren Asphalt von Sonne gewärmt ist und wo es bunte, in Felsen gebaute Häuser und Fischerdörfer außerhalb gibt, entpuppt sich als Umherstreifen in einer neuen Heimatstadt, die scheinbar noch nicht vor allzu langer Zeit als solche angenommen wurde. In pulsierenden Sätzen eilt das Ich durch die Nacht, Gedanken an frühere Orte überlagern die gerade durchschrittenen, Eindrücke und Erinnerungen vermischen sich. Dabei bleiben die einzelnen Orte vage und miteinander verschränkt, denn das erzählende Ich ist von allen gleichermaßen geprägt und stellt fest: „es gibt ortsgebundene menschen und es gibt menschen die an orten bleiben. trotzdem dazwischen.„

Diese vielstimmige Anthologie eröffnet interessante Perspektiven auf Städte, erzählt viele kleine Geschichten, schafft poetische Räume und lässt Resonanzen zwischen einzelnen Texten zu.
Im Vorwort heißt es: „In jedem Fall wurde meine Stimme bis heute zu selten angehört und hat zu selten die Seiten von Büchern gefüllt.“ – Das ändert diese Anthologie hoffentlich.

Flexen. Flâneusen* schreiben Städte. Herausgegeben von Özlem Özgül Dündar, Mia Göhring, Ronya Othmann und Lea Sauer. Erschienen im Verbrecher Verlag, Berlin 2019. Taschenbuch, 18 Euro.