Judith liest: Dorothee Elmiger

„Bei Wolfram einen Eintrag gelesen, der mir sofort als wahnsinnig passende Beschreibung dieses Dokuments und meines Herumfuhrwerkens darin ins Auge springt. S. 676: Hyper U, mit Einkaufszettel // ich laufe immer hin und her, bin über eine Stunde darin // Wo ist Zucker, ich find’s nicht/ Zucker!

„Warum nicht gleich alles erfinden, wo es sich doch auch bei der wahren Geschichte augenscheinlich um eine Fiktion handelt, um eine Montage im Mindesten.“

Die „wahre Geschichte“ meint die Geschichte des ersten Schweizer Lottomillionärs und der Versteigerung seiner beiden Figuren von Schwarzen Frauen, um die es in Dorothee Elmigers Aus der Zuckerfabrik geht. Allerdings nicht hauptsächlich, sie stellt nur die Urszene dar, auf die die Erzählerin in großen Suchbewegungen immer wieder zurückkommt. Der Zucker ist das Motiv, das sich durch den gesamten Text zieht und die einzelnen Teile miteinander verbindet. Er steht für Begierde, Verlangen, Maßlosigkeit, Völlerei und Wollust. Aber auch für Kolonialismus, Ausbeutung von Arbeiter*innen, Sklav*innenhandel und die globalisierte Welt. Dorothee Elmiger verfolgt seine Spuren durch Geschichte und Literatur hindurch, geht von Marie Luise Kaschnitz zur Patientin Ellen West, von Heinrich von Kleist zu Toussaint-Louverture und der Haitianischen Revolution und weiter zum Schweizer Lottokönig Werner Bruni.
Die Autorin legt, genau wie ihre Figuren, eine gewisse Maßlosigkeit an den Tag, indem sie sich die (historischen, literarischen) Figuren einverleibt wie diese sich wiederum ihre Münder mit erlesenen Speisen, Pralinen und Zucker vollstopfen.

„Aus der Zuckerfabrik“ ist ein Einblick in Dorothee Elmigers Textfabrik, ist der Versuch, die Bedingungen der Textproduktion gleichzeitig mit dem Text zu erzählen. Die Erzählinstanz gibt zu, dass sie unzufrieden damit ist, wie ihr dieses Erzählen der Gleichzeitig nur gelingt, indem sie es einfach ausspricht – aber die Autorin schafft es durch die Montage von Rechercheergebnissen, Traumsequenzen, Eindrücken vom Wetter in Zürich und anderswo, Gesprächen mit Bekannten und kleinen Erzählungen sehr geschickt. Immer wieder geht es um das Verhältnis zwischen Erzählinstanz und Autorin, zwischen fiktiver Figur und leiblich arbeitender Frau: „Mein Satz sollte also zugleich auf diese Weise HIER sagen, HIER fängt es an, und dieses HIER aber zugleich anzweifeln, weil es sich eben um einen Satz in der Literatur handelt, den ich geschrieben habe, und weil es sich bei dem Körper des Ichs, das HIER sagt, also um eine Fiktion, um eine Behauptung handelt.“

Während der Lektüre stellt sich die Frage, ob der Roman im klassischen Sinne überhaupt noch erzählt werden kann oder als Mittel zu Ausdruck, Verarbeitung und Deutung unserer Gegenwart ausgedient hat. „Aus der Zuckerfabrik“ ist kein Roman, auch wenn es bei Wikipedia als solcher bezeichnet wird und auch wenn es auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises 2020 stand (mit dem laut Webseite der deutschsprachige „Roman des Jahres“ ausgezeichnet wird). Das erzählende Ich, das auch ein schreibendes Ich ist, will es Recherchebericht nennen, was eher zutrifft. Der Text erinnert an die Arbeiten von W. G. Sebald oder auch an Enis Macis und Pascal Richmanns Texte: die dichte Verwebung von Themen, eine immense Recherchearbeit, ein essayistischer Erzählstil und die Abhandlung des persönlichen Bezugs, der Autofiktion also. Einerseits wird durch poetologische Passagen eine Art Wahrhaftigkeit suggeriert, andererseits betont die Erzählerin, dass sie Figuren, Orte und die ganze Welt in der „Zuckerfabrik“ längst erfunden und literarisch überschrieben habe – die Regeln des Texts greifen stärker als die Regeln der Wirklichkeit. Und selbst die besteht vor allem aus Erzählungen, stellt sich in der Recherche zum Lottokönig heraus, eine tiefe Wirklichkeit existiert dahinter gar nicht.

Dorothee Elmiger entmythisiert in gewisser Weise die Entstehung des Romans oder zumindest eines literarischen Werks. Konsequenterweise endet „Aus der Zuckerfabrik“ damit, dass die Erzählerin aufhört zu schreiben. Sie entreißt sich der Arbeit und flieht nach Südfrankreich, weil sie nicht aufhören kann, geht gewissermaßen ohne zu kündigen. Und dann gibt es aber den Dialog auf der allerersten Seite, der an diese letzte Szene an der Côte d’Azur anknüpft. Es bleibt also ein ewiges Kreisen, ein wirkliches Ende wird nicht gefunden.

Dorothee Elmiger: Aus der Zuckerfabrik. Erschienen im Carl Hanser Verlag, 271 Seiten gebunden, 23 Euro.

Judith Martin, Programmassistentin