Judith liest: Das flüssige Land

Von Judith Martin, Programmassistenz:

„Mich erfasste das Meer nun zum ersten Mal leiblich: Vor ewigen Zeiten waren die Berge noch ein einziges Schwappen gewesen, und es dauerte weitere Ewigkeiten, ehe sich die geballten Schichten durch die Kollision der Kontinentalblöcke wieder zu heben begannen. Welcher Gewalt es bedurfte, damit sich die Erdschichten auffalteten wie übers Knie geschoppte Strümpfe, und was für ein Mikroorganismus ich gegen sie war, allein auf meinen Spaziergängen durch die Wälder.“

Es fällt mir schwer, kurz und knapp zu sagen, worum es in Raphaela Edelbauers Debütroman Das flüssige Land geht. Einmal ist da die Familiengeschichte, der die Ich-Erzählerin Ruth Schwarz nach dem plötzlichen Tod ihrer Eltern nachgeht. Diese Geschichte reicht bis in die dunklen, wirren Ereignisse im Heimatdorf ihrer Eltern Groß-Einland zurück. Dann ist da eben dieses Dorf im österreichischen Bergland, ein mysteriöser Ort, den Ruth Schwarz zum ersten Mal besucht, um die Bestattung ihrer Eltern zu organisieren. In diesem seltsamen Groß-Einland herrschen andere Gesetze als anderswo: es ist auf keiner Karte verzeichnet, eine Gräfin herrscht über die ständisch organisierte Dorfgemeinschaft und alle zusammen ignorieren sie das Loch, das sich beständig unter ihrem Dorf ausbreitet, und arrangieren sich dabei mit diesem.

Schnell wird klar, dass Ruth Schwarz nicht wie geplant nur für einen kurzen Aufenthalt in Groß-Einland bleiben wird. Die Physikerin, die an einer Habilitation zur Blockuniversums-Theorie arbeitet, nach der die Zeit nicht linear verläuft, sondern in parallelen Universen alles gleichzeitig geschieht, wird schnell vom Sog Groß-Einlands ergriffen. Sie beginnt, in der Geschichte dieses vor Scheinheiligkeit und Verdrängung schillernden Ortes zu graben.

Hiermit haben wir zwei weitere Themen des Romans: einmal ein physikalisches Konzept von Zeit, in der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft eins sind – und das von Inhalt und Ton her an die Ausführungen von Juli Zehs Sebastian in ihrem Roman Schilf erinnert – sowie zum zweiten das Thema der Verdrängung von historischen Ereignissen, der Umdeutung der Vergangenheit durch die Gegenwart.

Das flüssige Land ist viel auf einmal: ein mythisches Märchen mit einem beinahe organisch-lebendigen Loch im Untergrund und karikiert-schematischen Figuren in Groß-Einland; ein Krimi oder Thriller, der von der Stimmung her manchmal in Richtung der Netflix-Serie Dark geht; ein Roman über die Geschichte einer Gemeinde, wie sie überall in Österreich und Deutschland hätte verlaufen können. Beizeiten entsteht der Eindruck, dass der Roman zu viel gleichzeitig will. Dazu schwächt die stark kommentierende Erzählstimme manch wunderbar skurrilen Moment leider und gerade in der ersten Hälfte des Romans treibt sie die bereits überzogene Szenerie noch weiter über die Spitze hinaus. Dann schlägt Edelbauer aber ihren düsteren, entrückten Ton an und webt sprachlich kunstvolle und dichte Bilder.
Auch fällt es zunächst schwer, sich zurechtzufinden und zuzuordnen, wann etwas wo passiert – und ob überhaupt wirklich. Denn wir haben es in Das flüssige Land mit einer äußerst unzuverlässigen Erzählerin zu tun, die bereits auf den ersten Seiten berichtet, wie sie durch ihre Arbeit an der Habilitation den Glauben an die Existenz von Zeit verloren hat und somit aus dem Takt des alltäglichen Lebens geraten ist. Hinzu kommt ein Konsum verschiedenster wachmachender und schlafbringender Substanzen und so taumeln wir mit ihr schlafwandlerisch-somnambul von Ereignis zu Mysterium.

Während der Lektüre wird mir klar, dass die Geschichte nicht so linear erzählt ist, wie ich zu Anfang angenommen hatte. Und das ist der Punkt, an dem Das flüssige Land mich zurückgewonnen hat. In Groß-Einland, so wird erzählt, verläuft Zeit anders als anderswo, und zwar in Kohärenz mit der sich bewegenden Landmasse unter dem Ort: gibt es Einstürze, geschieht viel auf einmal; bleibt das Land stabil, fließen ganze Monate träge dahin, ohne dass groß etwas passiert. Dieser Rhythmus schlägt sich auch auf die Erzählweise des Romans nieder, was mir zunächst aufgestoßen ist, spätestens in der zweiten Hälfte des Romans aber wunderbar Sinn ergibt und zu seiner Faszination beiträgt.

Raphaela Edelbauer: Das flüssige Land. Klett-Cotta Verlag. Stuttgart 2019, gebunden, kostet 22 Euro.