Judith liest: Anaïs Meier

„Es ist der Käse, an dem man den Schweizer packen kann. Zieht man lange genug an einem Ende eines Schweizer Käses, hängt am anderen Ende ein Schweizer dran. Das liegt im Selbstverständnis des Schweizers, er hängt an seinem Käse.“

So beginnt der Text Chäs / Käse in Anaïs Meiers Kurzgeschichtensammlung Über Berge, Menschen und insbesondere Bergschnecken. Zum ersten Mal habe ich den Text auf dem Prosanova Literaturfestival gehört, wunderbar vorgelesen von der jungen Schweizer Autorin selbst, während sie in Funktionskleidung vor einer Berghütte sitzt. Ihre Inszenierung in den Videos, die sie zum Prosanova beigetragen hat, war wie die Texte im Kurgeschichtenband: trocken, knapp, lustig.

In dem kleinen Büchlein, das im Mikrotext-Verlag erschienen ist, sind dreizehn Texte versammelt, die zum Teil bereits in Anthologien und online-Magazinen gedruckt wurden. Der älteste der Texte stammt bereits von 2007 und so lässt sich in diesem Band auch ein wenig die Entwicklung der Autorin betrachten. Die Texte sind zusammenfassend als Kurzgeschichten gelabelt, könnten aber auch als Essays und (fiktive) Reportagen bezeichnet werden.
Der Blick der Autorin und der Erzählstimmen ist ein historisch informierter, kritischer Blick auf die Gegenwart. Die Texte sind dicht, stecken voller sprachlicher Spiele und Überspitzungen, die schweizerische Gepflogenheiten subtil auseinandernehmen. In einer naiven und direkten Sprache mit einfachem Satzbau gelingt es Meier, eine entlarvende Komik zu erzeugen.

Auffallend häufig ist Essen das zentrale Thema: neben dem Käse wird die Zwiebel in einer Lobeshymne geehrt, die an Wiglaf Drostes Gemüse-Kochbuch erinnert, und auch die neue Küche und ihre Anhänger*innen werden im Text Urbane Genüsse sehr unterhaltsam beschrieben.
Besonders bleiben auch die Texte über das einzige Frauengefängnis der Schweiz, das Frauenwahlrecht und die Odyssee einer jungen Frau auf der Suche nach der Pille danach im Gedächtnis. Die Schweiz (und auch die medizinische Versorgung in Deutschland) erscheint als verstaubt, altmodisch, engstirnig und altbacken; und auch wenn sie gar nicht so viel Raum in den meisten Texten einnehmen, scheinen die Alpen mit ihren engen Tälern immer im Hintergrund zu lauern. Aber die Autorin rechnet keineswegs auf plumpe Art mit ihrer dörflichen Heimat ab, sondern beobachtet, beschreibt und kommentiert sehr subtil.

Das Überdrehte und Absurde, das in den essayistischen Texten so gut funktioniert, verliert in den wenigen „wirklichen“ Kurzgeschichten, das heißt mit Figuren und kleinem Plot, an Stärke. Die Figuren und Räume bleiben zu abstrakt, um sie richtig greifen zu können. Schnell verschwinden die Geschichten wieder aus dem Gedächtnis – hängen bleiben dagegen Bilder aus den beinahe schon Prosagedichten, die in ihrer Abstraktion sehr konkret werden:

„Am Berge merkt man, wer man ist. Manche sagen, am Berg vergisst man sich selbst. Die, die das sagen, haben sich dem Berg ebenfalls unterworfen. Sie akzeptieren, ja, huldigen der Dominanz des Berges. Sie sagen, sie finden das toll, und ziehen ihre Schneeschuhe an. Das tun sie, weil sie Angst haben. Menschliche Liebe zum Berg ist immer ein Sich-vor-ihm-verbeugen. Die Menschen ducken sich vor dem Berg, obwohl der Berg viel höher ist als die Menschen. Es wäre an ihm, sich zu ducken.“

Die Sammlung liest sich schnell, aber einige der Geschichten fordern zu mehrmaligem und erneutem Lesen auf. Anaïs Meier: Über Menschen, Berge und insbesondere Bergschnecken. Erschienen 2020 bei mikrotext, Berlin. 96 Seiten gebunden kosten 14,99 Euro.

Judith Martin, Programmassistenz