Judith Martin im Gespräch mit Olivia Wenzel

Olivia Wenzel hat 2020 den vielbeachteten Roman „1000 Serpentinen Angst„ veröffentlicht. In Weimar geboren, hat sie an der Stiftung Universität Hildesheim Kulturwissenschaften und ästhetische Praxis studiert. Lange schreibt sie schon fürs Theater, inszeniert und performt. Sie macht Musik als Otis Foulie, war 2017 zu Gast auf dem Hildesheimer Prosanova-Festival. Für das Literaturhaus St. Jakobi hat Judith Martin sie interviewt.

1. Stell dir vor, du kommst am Hildesheimer Hauptbahnhof an und trittst auf den Bahnhofsvorplatz – was ist dein erster Gedanke?

ein bahnhof wie jeder andere auch, nothing special here, trotzdem nett.

lange her alles, ich bin alt geworden.

2. Du stehst also vor dem Bahnhof, vor dir liegt die Innenstadt, zur Linken die Oststadt, hinter dir die Nordstadt. Wo hast du gewohnt in Hildesheim?

an verschiedenen orten, ich war zwischendurch öfter mal weg, bin von hamburg aus gependelt. wohnorte in hildesheim – mir fallen mir zuerst ein: am pepperworth, am galgenberg und in der katharinenstraße.

3. Erinnerst du dich an deine Eignungsprüfung?

kann sein, dass porombka dabei war. ich war 18 oder 19, habe die ur-sonate von schwitters rezitiert & dabei aus unerfindlichen gründen schwimmbewegungen gemacht; kam gut an damals.

4. Auf dem Prosanova 2017 hast du aus der Textsammlung „Keine Angst, mein Herz“ gelesen. Da ist die Rede von einer weisen Freundinnenfigur aus einem Marokkotext, was an die Figur der Kim in „1000 Serpentinen Angst“ erinnert. Wie ist dein Roman entstanden?

prosanova 2017 war sehr wichtig. ole aus dem team hat vorab hartnäckig nach texten für die bella triste gefragt & mich schließlich eingeladen, beim festival eine 50-minütige lesung zu gestalten. auf die idee wäre ich von mir aus damals nicht gekommen, auch nicht darauf, dass das material, dass ich für die lesung aus der schublade zusammengeklaubt, überarbeitet & neu collagiert habe, der anfang von etwas größerem werden würde.

nach der lesung habe ich direkt meinen heutigen lektor albert henrichs kennengelernt; monate später, nach diversen weiteren stationen, alles mit dem verlag eingetütet und dann die langwierige arbeit begonnen. das tippe ich jetzt grad hier bissi ermattet einfach so runter, aber diesem anfang wohnte tatsächlich ein enormer zauber inne. es war stark & der 10.6.2017 einer der besten tage meines lebens.

5. Du arbeitest und schreibst viel im Kontext Theater und Performance, viel in Teams, viel im Austausch mit anderen. Hat sich die Arbeit am Roman davon unterschieden?

klar. sehr viel mehr konzentration, sehr viel mehr überarbeiten, recherchieren, zeit vergehen lassen, sehr viel mehr einsamkeit waren voraussetzung. aber ich habe andere leute, so oft ich konnte, dazugeholt – also z.b. für feedback-gespräche in größerer runde, bei denen ich still daneben saß und zuhörte, wer welche lese-erfahrungen/ fragen/ kritik einbrachte.

mittlerweile habe ich diverse performances rings um das buch inszeniert, in denen ich auch mediales feedback, private rückmeldungen, erwartungen, begegnungen, die durch das buch zustande kamen u.ä. in den blick nehme. martin schnippa, malu peeters, minh duc pham & banafshe hourmazdi haben bisher daran mitgewirkt & auch eigene themen eingebracht, was immer sehr bereichernd war. denn ich finde es nicht besonders gewinnbringend, mein buch permanent allein zu repräsentieren; deshalb versuche ich wahrscheinlich, arbeitsweisen aus meiner sonstigen künstlerischen praxis mit der art, wie im literaturbetrieb klassischerweise autor*innenschaft performt wird, zu verknüpfen.

6. Kann der Roman bzw. die Prosa für dich etwas, was Theater und Performance nicht können?

ich liebe diese kategorien nicht, denke eher so:

es gibt texte, die funktionieren gut, wenn man sie allein & still liest, andere besser, wenn man sie laut spricht oder singt. dass mein roman als roman gelabelt wird, ist mir nicht wichtig, aber sicher für den verkauf sinnvoll. und verkaufen soll er sich, da bin ich hart kapitalistisch drauf: ich will gut von meiner arbeit leben können (nicht weitere 15 jahre rumkrebsen & endlos projektanträge schreiben müssen, von denen dann manchmal welche bewilligt werden, aber kaum startet das projekt, beutet man sich wieder selbst aus usw.) insofern kann der roman definitiv etwas, das das theater bisher nicht konnte: mir nachhaltig geld einbringen, & darüber sicherheit & entspannung.

aber auch was meine persönliche arbeit und meinen privaten, emotionalen “outcome“ angeht, hat mir 1000 serpentinen angst vieles gebracht, das ich im theater nicht hätte finden können. das hat vor allem mit dem weiten raum zu tun, den es plötzlich gab, dadurch dass klar war: ich schreibe & arbeite jetzt erstmal 2-3 jahre an einer sache, lege all die vielen gleichzeitigen, anderen aktivitäten ad acta, die sich ja üblicherweise in der künstlerischen selbstständigkeit endlos & überschneidend aneinanderreihen.

eine ruhe & konzentration, eine auseinandersetzung mit mir & gegenwart & vergangenheit wurden dadurch möglich, die ich in der tiefe in den jahren vor 2017 nicht hätte erreichen können – die strukturierung meines berufslebens hätte das verhindert. aber vielleicht war ich auch davor einfach noch nicht soweit. also vielleicht ist die frage nicht, welche form was kann, sondern was ich zu welchem zeitpunkt künstlerisch & energetisch leisten kann, und welche ausdrucksform sich daraus ergibt – die dann wiederum entsprechend etwas kann, was eine andere form gerade nicht kann.

7. Hattest du einen Lieblingsort an der Domäne?

ich habe erst nach jahren an der uni den großen garten hinter den gebäuden der domäne entdeckt. auf einem sommerfest habe ich dort einmal sehr viel gute zeit verbracht.

8. Und einen Lieblingsort in der Stadt?

ich mochte früher den basketballplatz an der steingrube ganz gern.

9. Warst du Team Fahrrad oder Team Bus?

bei gutem wetter fahrrad, bei schlechtem bus, also eher team pragmatik.

und nach der uni noch ’ne zeitlang team gefaktes semesterticket.

10. Dein Roman ist seit über einem Jahr draußen und du hast einige Lesungen bestritten, online wie offline. Bist du schon an einem Punkt angekommen, wo du das Gefühl hast, du hast alles zu deinem Roman gesagt?

ich halte es, wie gesagt, so, dass ich mir lieber anschaue, wer sich aus welchen gründen wie zu meinem buch äußert. das ist material, das sich untersuchen und inszenieren lässt, & das etwas erzählt über das buch und seinen weg. dieser prozess ist für mich spannend, da er über mich – die immer wieder geladen ist, als vermeintliche expertin über rassismus & die ddr zu sprechen –  hinausgeht.

11. Stell dir vor, du drehst dich um, gehst auf Gleis 2 und steigst in den Zug nach Berlin: Was ist das letzte Bild, das du von Hildesheim mitnimmst?

ein lieber freund, der damals mit mir in hildesheim lebte, der leidenschaftlich gern rappte & wenig leidenschaftlich studierte, der letztens starb. er sitzt entspannt auf einer bank an einem gleis, das t-shirt spannt über seiner plauze. er grinst und seine breite zahnlücke lässt es schelmisch aussehen – in der einen hand hält er einen tropfenden döner, mit der anderen winkt er mir zu.