Judith schreibt von ferne

Derzeit studiert unsere Programmassistentin Judith Martin im Auslandssemester in Sassari, Sardinien. Hier schreibt sie von ihren derzeit verkürzten Streifzügen:

Ich könnte ein Jahr erzählen an den Vögeln vom Balkon aus

Mein Fahrrad rettet mich durch die Wochen, in denen wir nur das Haus verlassen dürfen, um zum Supermarkt oder zur Apotheke zu gehen. Ich habe es vor einem oder zwei Monaten, die Zeit hat alle Konsistenz verloren, in Cagliari gekauft und im Zug mit nach Sassari ans andere Ende Sardiniens genommen.

Wir fahren raus zum Nuraghe im Industriegebiet. Breite Gewerbeflächen stückeln sich aneinander, durchschnitten von einem verwirrenden Netz aus Schnellstraßen, Schleichwegen und Sackgassen. Halbfertig gebaute Hoteltürme erheben sich gegen den Himmel, der hier stets ein wenig weiter ist als oben in der Stadt. Die teuren, von Anfang an unmöglich zu Ende zu führenden Bauprojekte werden nun, erzählt man mir, von denselben mafiösen Unternehmen abgerissen, von denen sie einst hier hingestellt wurden. Am äußeren Rand des Gebiets treffen die Höfe abrupt auf Felder, dort steht der Nuraghenturm und gegenüber ein grüner Hügel, überraschend nah. Zuvor passieren wir eine Steinkirche aus dem 18. Jahrhundert, die von dicken Metallstäben umzäunt ist und wenig Luft hat zwischen den industriellen Nachbargebäuden. Ich versuche mir vorzustellen, wie es zur Zeit ihrer Errichtung hier ausgesehen hat. Der Nuraghe stand schon, einige der Olivenbäume auf der ihn umgebenden Schafsweide vermutlich auch. Der Rest – Beton, Teer, Glas, Asbest – war noch nicht hier, zumindest nicht in dieser Form.

In meinem Körper staut sich die Energie. Ich schieße unseren Ball – noch etwas, ohne das diese Wochen schwerer zu ertragen wären – so hart, dass er vom Balkon fällt. Ich heble den Kronkorken vom Bierflaschenhals und etwas Glas bricht mit raus. Wenn meine Mitbewohnerin versucht, einen Flug nach Hause zu buchen, wird es schlimmer. Am Telefon diskutiert sie mit einem Mann aus Portugal und ich gebe es auf, mein Seminar zu verfolgen, will mich stattdessen von dem Stress freischreiben. Meine Finger können nicht mehr richtig tippen, mein Knie zittern, der rechte Teil meines Körpers ist verspannt, ich sitze zu viel am PC und schreibe zu viel, alles geht in die rechte Hand, ich will Schlagzeug spielen und auf Becken und Trommeln hauen und die Kickdrum treten, aber nicht mal das Tippen fühlt sich gut und oragnisch an, meine nassfeuchtkalten Fingerspitzen bleiben an den Tasten hängen, ich haue stärker drauf als ich müsste.

Mit frühblüherbrennenden Augen fahre ich zum Vergessenen Garten. Kaum lasse ich mich auf der Betontreppe nieder, gellt der Greifvogelschrei aus dem Tal, den ich schon beim letzten Besuch gehört habe. Als würde er nur für mich fliegen, zieht der Vogel (ein Bussard vielleicht) weite Kreise unten im Tal, segelt an dem gegenüberliegenden Waldhang vorbei, zeigt seine Schwingen in all ihrer Pracht. Mir wird schwindelig, sitze ich doch sehr nah am Abgrund, noch dazu am höchsten Teil der Betontreppe. An deren Ende zeigt der Garten noch seine Spuren: Fenchel und Stauden wachsen neben dem wilden Knoblauch im hohen Gras, ein Trampelpfad führt weiter ins Tal hinab. Durch die Baumkronen erkenne ich die Schemen eines Autos, eines dieser Gerippe wie ich sie schon häufiger auf der Insel gesehen habe und die wer weiß wie an den Ort ihrer Verrostung gelangt sind.

Wenn ich in diesen Tagen draußen bin, nehme ich viel mehr Natur wahr als sonst. Eine Ameisenstraße entlang der vom Winterregen unterspülten Wege, mir unbekannte schwarze Käfer mit länglichen, wespenartigen Körpern und kleinen chitinhaltigen Flügeln. Eine silberne Spinne, die eine Fliege verspeist. Und natürlich Vögel, überall Vögel. Ist es der Frühling, ist es die sich erholende Natur oder sind es meine durstigen Sinne, die für diese Fülle an Eindrücken verantwortlich sind?

Mit dem Seminar lese ich W. G. Sebald, Die Ringe des Saturn (Gli anelli del saturno). Über den chinesischen Kaiserhof im 19. Jahrhundert, insbesondere die Kaiserinwitwe, die zwei Thronfolger ihres Mannes erfolgreich von der Macht ferngehalten und beide überlebt hat, schreibt er: „Die winzigen Figuren der Gärtner in den Lilienfeldern in der Ferne oder die Höflinge, die im Winter auf der blauen Eisfläche Schlittschuh liefen, dienten ihr nicht zur Erinnerung an die Naturbewegtheit des Menschen, sondern waren vielmehr, wie Fliegen in einem Glas, überwältigt bereits von der Willkür des Todes. Tatsächlich berichten Reisende, die zwischen 1876 und 1879 in China unterwegs waren, daß in der damaligen jahrelang anhaltenden Dürre ganze Provinzen den Eindruck glasumwandeter Gefängnisse erweckt hätten. […] Über dem bloßen Anheben einer Hand, dem Senken eines Augenlids, dem Verströmen des letzten Atems verging, so schien es bisweilen, ein halbes Jahrhundert. Und mit der Auflösung der Zeit lösten auch alle anderen Verhältnisse sich auf.“

Und ich frage mich: Wieviel Dornröschenschlaf verträgt eine Stadt?

Ich sitze nachts auf der Fensterbank und versuche, im Himmel etwas zu erkennen. Hell leuchtet Sirius im großen Hund, ein bisschen weniger hell und gerade drüber ein Stern im kleinen. Auch die Zwillinge sind gut zu erkennen, ich verorte sie erst weiter links, als sie – wenn ich meine App richtig lese – dann in Wirklichkeit sind. Man sollte ein Netz an den Himmel klemmen, so findet man sich ja nie zurecht. Alle hellen Sterne halte ich zunächst für die Venus. Nun ist der eine aber Sirius, der andere wohl Beteigeuze, das Auge des Indianers. Auch den Fuhrmann erahne ich, Venus wird also schon hinter dem Appartementhaus hocken. In hoher Ferne ziehen Flugzeuge vorbei, auch das fällt mir plötzlich auf. Sie sind kleine Sternenpunkte und wandern langsam in die Höhe, um dann über und hinter mir zu verschwinden. Zwischen den Köpfen von Astor und Pollux werden sie größer, sehe ich sie doch in Wirklichkeit aus weiter Entfernung parallel zur Erde näherkommen und gar nicht nach oben steigen, sondern über mir drüber an mir vorbei fliegen. Ich sitze hier unten fest auf meiner Insel und will auch gar nicht weg. Nur manchmal wird mir der Wille schwächer, wenn die Wochen sich in die Länge ziehen und man mich zu Hause ruft.

Im Winter waren es die Stare, jetzt sind es die Mauersegler und Schwalben und Kohlmeisen und Amseln. Ich könnte ein Jahr erzählen an den Vögeln, die ich vom Balkon aus beobachte.

Meines hat damit begonnen, dass die Stare von der Silvesterknallerei aufgeschreckt tot vom Himmel fielen.

Wie eine zu starke Welle durchtauche ich diese Wochen. Den Kopf unten halten, die Strudel über mich hinwegrollen lassen. Strecke ich ihn doch einmal raus, um mir ein Bild von der Lage zu machen, schlucke ich Wasser.