In die Tiefe

Milena Maren Röthig empfiehlt:

Sina Pousset: Schwimmen

„Milch, Tomatensoße, Orangen und Eier. Das wollte Jan mal einkaufen, als sie noch zusammenwohnen in der kleinen Wohnung unterm Dach, er ihr nachts Spagetti kocht, das Radio anmacht und mitsingt beim Brot schneiden.“

Milla findet einen Zettel in ihrer Jackentasche, von Jan. Es ist sein alter Mantel, den sie trägt, etwas, das von Jan geblieben ist. Mit diesem kleinen Moment, mit diesem Papier in ihren Händen, beginnt etwas in Milla, ein Erinnern, ein Blick zurück auf die Vergangenheit. Eine Zeit, in der es Jan und sie zusammen gab, in dem Haus am Meer, in Nonnas Haus. Jan und Milla, Freunde aus Kindheitstagen. Und eine Zeit, in der es irgendwann auch Kristina hab. Kristina, zuerst ein Fremdkörper zwischen ihr und Jan. Und dann sie zu dritt, in Nonnas Haus. Sie zu dritt am Küchentisch mit dem geblümten Teegeschirr, sie zu dritt im großen Bett im Obergeschoss. Ein Morgen, Milla in Jans Hemd und Kristina neben ihr. Und Jan nicht im Bett, nicht in der Küche…
Mit „Schwimmen“ taucht man in die Tiefe. Man hat dieses Unterwassergefühl, alles ist irgendwie gedämpft, still und konzentriert. Denn Sina Pousset wählt in ihrem Debütroman eine Sprache, die hineinzoomt, die so fein, so detailliert daher kommt, dass der Tee auf dem Küchentisch, der Sturm am Deich, die leere Wohnung geradezu sinnlich spürbar werden. Diese Sprache macht einen großen Reiz an „Schwimmen“ aus. Dieses genaue Betrachten hält aber auch die Schwere, die Melancholie der Erzählung nicht von einem fern. Sina Pousset erzählt von Freundschaft, die mit den Jahren anders wird, erzählt von Verlust, von Trauern und dem Versuch sich Erinnerungen zu bewahren und weiterleben zu können. „Schwimmen“ ist eine schwer wiegende Lektüre. Sich dieser auszusetzen, sollte man dennoch wagen!

Schwimmen. Sina Pousset, 224 Seiten, erschien im September 2017 bei Ullstein fünf.